Mit dem Werkstattjahr den Anschluss finden – Chance für den Berufseinstieg

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Gespeichert von Arbeit.Meding am 17. April 2019
Junger Mann im Porträt mit roter Schürze, im Hintergrund Küche eines Restaurantbetriebs

"Das Werkstattjahr ist ein Rundum-Paket, um schulmüde junge Menschen beim Berufseinstieg zu unterstützen. Motivation ist für das Gelingen am wichtigsten."

Übergang Schule – Beruf: Werkstattjahr verbindet berufliche Qualifizierung und betriebliche Praxis. Kreishandwerkerschaft Essen kooperiert mit CJD-Zehnthof Essen und Die Boje - gemeinnützige katholische Jugendsozialarbeit Essen

Das Werkstattjahr ist ein Angebot für schulmüde, nicht ausbildungsreife Jugendliche und unterstützt sie für den Berufseinstieg. Die Kreishandwerkerschaft Essen setzt das ESF-geförderte Programm im Projektverbund in der Stadt Essen um. Das Besondere: Arbeiten und Lernen sind eng verbunden und persönliche Begleitung ist garantiert. Das ermöglicht ungewohnte Erfolgserlebnisse und sichert Anschlussperspektiven.

Das Werkstattjahr in Essen – Kreishandwerkerschaft unterstützt mit dem ESF-geförderten Programm junge Menschen und verbindet Arbeiten und Lernen

Das Werkstattjahr ist ein neues Angebot im Übergang Schule Beruf und richtet sich an junge Menschen unter 19 Jahren, die die Schule ohne ausreichende Ausbildungsreife verlassen haben. Das Besondere: Das Werkstattjahr, gefördert aus Mitteln des ESF und unter Beteiligung der Jobcenter und Agenturen für Arbeit, verbindet Arbeiten und Lernen. Berufliche Qualifizierung geht einher mit praktischer, produktiver Arbeit und betrieblichen Praktikumsphasen. Ziel ist es, die häufig schulmüden und mit vielfältigen Problemlagen belasteten Jugendlichen beruflich zu orientieren und geeignete Wege in Ausbildung und Beruf zu erschließen.

Die Kreishandwerkerschaft Essen, Abteilung Berufliche Bildung, setzt das Werkstattjahr im Verbund mit den Bildungsträgern CJD Zehnthof Essen und Die Boje – gemeinnützige katholische Jugendsozialarbeit Essen um. Rund 70 Teilnahmeplätze stehen hier zur Verfügung und werden durch die Agentur für Arbeit Essen und das JobCenter Essen vergeben. Praktisch erproben können sich die Jugendlichen in unterschiedlichen Handwerksbereichen, dazu gehören Holz, Metall/Maschinenbau, Farben/Lacke sowie Handel/Verkauf oder Gesundheit/Soziales und Hotel/Gaststätte. 

Wir wollen nach Möglichkeit keinen Teilnehmenden ohne Anschlussperspektive aus dem Programm entlassen.

Neben praktischer, produktionsnaher Arbeit in den Werkstatt-Einrichtungen der Projektpartner und dem obligatorischen Besuch der Berufsschule ist die individuelle sozialpädagogische Begleitung ein wichtiger Bestandteil des Programms. Und für alle Teilnehmenden, die dranbleiben und Lern- und Leistungsbereitschaft zeigen, gibt es mit einer zusätzlichen (und anrechnungsfreien) Leistungsprämie eine ganz konkrete Form der Anerkennung. Denn nicht zuletzt geht es vor allem darum: Motiviert bleiben und den Berufseinstieg als Chance erkennen.

„Das Werkstattjahr bietet das richtige Rundum-Paket, um schulmüde oder schwächere Jugendliche beim Berufseinstieg zu unterstützen und ausbildungsreif zu machen“, sagt Claudia Schlitt, Programmkoordinatorin und Leiterin Berufliche Bildung der Kreishandwerkerschaft Essen. Die Motivation sei für das Gelingen mit am wichtigsten, so ihre Erfahrung, aber allzu oft auch die „größte Hürde“ für die Teilnehmenden. Daher sei es hilfreich, „dass wir im Werkstattjahr zwölf Monate Zeit haben und kleinschrittig vorgehen können, um die jungen Menschen weiter zu entwickeln“. „Diese Zeit brauchen wir auch“, betont die erfahrene Sozialpädagogin, „schließlich wollen wir nach Möglichkeit keinen Teilnehmenden ohne Anschlussperspektive aus dem Programm entlassen.“

Gleichwohl ist gerade am Anfang die Abbruchquote hoch und nach bisherigen Erfahrungen steigt etwa jeder dritte Teilnehmende vorzeitig aus. Doch wer es schafft durchzuhalten, also hinreichend Motivation und Engagement aufbringt, hat echte Chancen und kann sich über ein zusätzliches Entgelt freuen.

Drei Geschichten, drei Wege – Werkstattjahr erschließt Zukunftschancen

Klassenbester mit Berufswunsch Tischler

Einer derjenigen Teilnehmer, denen mit Hilfe des Werkstattjahrs die persönliche Wende gelang, ist Fabien R., 17 Jahre alt und ohne Schulabschluss. Er wurde vom Jobcenter vermittelt und arbeitet seit knapp neun Monaten im Werkstattjahr. Seinem Berufswunsch, Tischler zu werden, ist er schon deutlicher nähergekommen.

Die Werkbank in der Holzwerkstatt ist schon fast mein zweites Zuhause.

In der Holzwerkstatt der Kreishandwerkerschaft Essen hat er von Anfang an sehr motiviert mitgemacht und nicht nur sein handwerkliches Geschick erprobt, sondern auch ungewohnte Erfolgserlebnisse gemacht. „Die Unterstützung ist für mich sehr hilfreich, in der Gruppe fühle ich mich wohl und ich habe Selbstvertrauen gewonnen. Die Werkbank hier in der Holzwerkstatt ist schon fast mein zweites Zuhause“, sagt Fabien über seine bisherige Werkstatt-Erfahrung.

Zurzeit schneidet er Holztulpen für den Europa-Tag in Düsseldorf, die an einem Informationsstand präsentiert werden sollen. Das frühe Aufstehen, um pünktlich um 7 Uhr am Arbeitsplatz zu sein, fällt ihm auch nicht schwer. Besonders stolz macht ihn aber das: „In der Berufsschule bin ich Klassenbester und mit meinen Noten werde ich jetzt den Hauptschulabschluss schaffen.“

Im Anschluss an das Werkstattjahr, so der Plan seiner Begleiter bei der Kreishandwerkerschaft Essen, soll Fabien eine Ausbildung zum Tischler ermöglicht werden. Die Gespräche mit dem Jobcenter laufen und die Chancen stehen gut.

Anschluss gebongt. Schulische Ausbildung zur Sozialassistentin

Am Werkstattjahr können auch junge Geflüchtete mit ausreichenden Sprachkenntnissen teilnehmen. Hanan A. ist 18 Jahre alt und mit ihrer Familie aus Syrien geflüchtet. Seit drei Jahren lebt sie in Deutschland und absolviert das Werkstattjahr beim Projektpartner Die Boje im Bereich Gesundheit/Soziales.

Ich will arbeiten und einen guten Schulabschluss machen.

Hanan ist die Älteste von sechs Geschwistern, sie weiß nicht nur mit Kindern gut umzugehen, sondern auch sehr genau, was sie will – und eben auch nicht will: „Ich will auf keinen Fall zu Hause sitzen und nichts tun. Ich will arbeiten und einen guten Schulabschluss machen. Dafür bekomme ich hier viel Hilfe und habe immer jemanden, der für mich zuständig ist.“

Die junge Frau ist zuverlässig und mit viel Engagement dabei. Zwei mehrwöchige Praktikumsplätze hat sie sich sogar selbst gesucht, in einem Kindergarten und bei einem Zahnarzt. Noch vor Ende des Werkstattjahres kann sie sich über eine ganz konkrete Anschlussperspektive freuen: Ab Herbst – die schriftliche Zusage hat sie schon – wird sie eine zweijährige schulische Ausbildung zur Sozialassistentin beginnen und damit, wenn alles gelingt wie ersehnt, auch einen Realschulabschluss in der Tasche haben.

Geschafft im zweiten Anlauf. Betriebliche Ausbildung zum Koch

Maurice B. ist 18 Jahre alt und einer der Teilnehmer mit Schulabschluss. Er wurde von der Arbeitsagentur in das Werkstattjahr verwiesen. Beim Projektpartner CJD Zehnthof Essen arbeitet er im Bereich Hotel/Gaststätte, kurz HoGa, und hat sich hier nach anfänglicher Hängepartie ausgesprochen zielstrebig weiterentwickelt. „Zurzeit unser Musterschüler“, sagt seine sozialpädagogische Begleiterin.

Ich freue mich sehr, dass ich eine Ausbildung zum Koch machen kann. Mit der Hektik im Küchenbetrieb komme ich gut zurecht.

Bereits bei seinem ersten Praktikum begeisterte er seinen Arbeitgeber, ein gemeinnütziger Restaurantbetrieb der Diakonie Essen. Allerdings ließ er am Anfang die Schule schleifen und die – fast schon sichere – Zusage auf eine betriebliche Ausbildung zum Koch wurde wieder zurückgenommen. Im zweiten Anlauf hat es schließlich geklappt und Maurice nutzte die Chance eines zweiten Praktikums im Restaurantbetrieb, um sich zu bewähren. In Küche und Schule erwies er sich als ausgesprochen zuverlässig und überzeugte mit guten Leistungen. Nach Ende des Werkstattjahrs wird er nun in seinem ehemaligen Praktikumsbetrieb die Ausbildung zum Koch beginnen.

„Ich freue mich sehr, dass ich eine Ausbildung zum Koch machen kann. In diesem Bereich arbeite ich wirklich gern und mit der Hektik im Küchenbetrieb komme ich gut zurecht“, sagt Maurice und merkt selbstkritisch an: „Am Anfang hatte ich viele Fehlzeiten, weil ich die Schule geschwänzt hatte. Deshalb gab es auch erstmal keine Prämie. Ich brauchte einen zweiten Anlauf und habe dann auch die Prämie bekommen. Das Geld will ich sparen, vielleicht für einen Führerschein.

Werkstattjahr – Förderinstrument im Übergang Schule – Beruf

Die Landesregierung hat in Kooperation mit Arbeitsagenturen und Jobcentern in Nordrhein-Westfalen zum 1. September 2018 das Werkstattjahr in neuer Form wieder eingeführt. Das Arbeitsministerium stellt dafür Fördermittel des Landes und des Europäischen Sozialfonds (ESF) in Höhe von jährlich rund 14 Millionen Euro zur Verfügung. Die Agenturen für Arbeit und Jobcenter in Nordrhein-Westfalen beteiligen sich ebenfalls finanziell am Werkstattjahr, um landesweit insgesamt bis zu 1.600 Plätze zu ermöglichen.

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