Bewegende Veranstaltung im Düsseldorfer Landtag am 19. Juni 2019

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Von links nach rechts: Herr Werner, Herr Lüttig, Frau Finkemeier, Kardinal Woelki, Frau Gebhardt, Herr Frauendienst, Frau Frisch, Herr Oelkers, Frau Kettner-Schroer, Herr Laumann und Frau Middendorf

Zuhören, anerkennen, nicht vergessen!

Bewegende Veranstaltung im Düsseldorfer Landtag am 19. Juni 2019

Tausende Kinder und Jugendliche wurden in den Nachkriegsjahren in Einrichtungen der Behindertenhilfe, in der Psychiatrie und auch in Kinderheimen Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch. Um die Betroffenen um Verzeihung zu bitten, luden Landesregierung und Landtag am 19. Juni 2019 zu einer bewegenden Veranstaltung nach Düsseldorf ein.

 

Der Präsident des Landtags, André Kuper (Foto links), wandte sich direkt an die Betroffenen und sagte zur Eröffnung der Veranstaltung „Zuhören – anerkennen – nicht vergessen“ im Plenarsaal des Landtags: „Sie haben Leid und Unrecht erfahren, sei es durch körperliche oder seelische Misshandlung. Was mich beschämt und schmerzt, ist die Tatsache, dass der Staat Sie nicht ausreichend beschützen konnte. Das darf nie wieder vorkommen!“

 

 

 

Für die Landesregierung sagte NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann (Foto rechts) an die Adresse der Betroffenen: „Die Dinge, die Sie erlebt haben, sind nicht vereinbar mit unserem christlichen Menschenbild. Wir haben als Land und als Gesellschaft schwere Schuld auf uns geladen. Wir haben den Schwächsten in unserer Gesellschaft den nötigen Schutz und ein Leben in Würde versagt. Ich weiß, dass es dafür keine Entschuldigung geben kann. Aber für das Land Nordrhein-Westfalen sage ich aus tiefstem Herzen: Es tut mir unendlich leid! So etwas darf nie wieder passieren!“ 

 

In einer Gesprächsrunde unter anderem mit dem Sozialminister und Vertretern der Kirchen, die Träger vieler dieser Einrichtungen waren, schilderten Betroffene ihre Erfahrungen. Ein Teilnehmer: „Was ich als Kind erleben musste, war das Grauen persönlich. Sie haben mir alles angetan, was man einem Menschen an Leid antun kann. Nur so kann ich mir erklären, dass ich mit viereinhalb Jahren nur drei Kilo wog, ausgehungert und ausgetrocknet war und nur knapp dem Tod entkam. Der Kinderarzt, der mich nach meiner Entlassung begutachtete, gab mir damals noch fünf Tage zu leben. Dass ich diese Qualen überlebte, grenzt an ein Wunder.“  

 

 

Rainer Maria Kardinal Woelki, Erzbischof von Köln (Foto links): „So wie diejenigen, die schlimme Dinge erfahren haben, diese niemals vergessen können, so dürfen wir als Kirche und als Gesellschaft niemals vergessen, was geschehen ist und wie es geschehen konnte. Gleichzeitig gilt es, alles dafür zu tun, dass das ‚Nicht vergessen‘ konsequent einhergeht mit einem glasklaren ‚Nie wieder!‘“

 

 

 

Thomas Oelkers, Vorstand des Diakonischen Werkes Rheinland-Westfalen-Lippe (Foto rechts): „Im Namen der evangelischen Kirchen in Nordrhein-Westfalen und im Namen der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe bitten wir die Betroffenen um Verzeihung. Im Bewusstsein unserer historischen Verantwortung setzen wir alles daran, dass heute und in Zukunft Erziehung und Betreuung ohne Zwang und Gewalt im Geist echter Nächstenliebe ausgeübt werden.“

 

 

Die komplette Veranstaltung ist auf der Internetseite des Landtags Nordrhein-Westfalen live übertragen worden.
Die Aufzeichnung kann hier heruntergeladen werden.

Stiftung „Anerkennung und Hilfe“

Die Anerkennung von Leid und Unrecht in Einrichtungen der Psychiatrie und Behindertenhilfe ist ein wesentlicher Auftrag der unter Mitwirkung des Landes Nordrhein-Westfalen zum 1. Januar 2017 gegründeten Bundesstiftung „Anerkennung und Hilfe“.

Diese richtet sich an Menschen, die als Kinder und Jugendliche in der Zeit vom 23.5.1949 bis zum 31.12.1975 in der Bundesrepublik Deutschland bzw. vom 7.10.1949 bis zum 2.10.1990 in der DDR in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder der Psychiatrie Leid und Unrecht erfahren haben und heute noch an Folgewirkungen leiden.

Die Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ wurde von der Bundesregierung, allen Ländern und der evangelischen und katholischen Kirche errichtet. Aufgaben der Stiftung sind die öffentliche Anerkennung, die Anerkennung durch wissenschaftliche Aufarbeitung der Leids- und Unrechtserfahrungen, die individuelle Anerkennung und Unterstützung durch finanzielle Hilfe.

In Nordrhein-Westfalen haben bislang rund 2.000 Betroffene eine finanzielle Anerkennung für das ihnen widerfahrene Leid und Unrecht erhalten. Gezahlt werden eine einmalige pauschale Geldleistung von 9.000 Euro sowie eine einmalige Rentenersatzleistung in Höhe von 3.000 Euro für sozialversicherungspflichtige Arbeit von bis zu zwei Jahren bzw. in Höhe von 5.000 Euro für sozialversicherungspflichtige Arbeit von mehr als zwei Jahren.

Anträge können noch bis zum 31. Dezember 2020 gestellt werden bei den Anlauf- und Beratungsstellen der Stiftung in Köln und Münster. Weitergehende Informationen finden sich auf der Internetseite der Stiftung: http://www.stiftung-anerkennung-und-hilfe.de

Für ehemalige Heimkinder hatten Bund, westdeutsche Bundesländer und Kirchen bereits zum 1. Januar 2012 den Fonds „Heimerziehung in der Bundesrepublik Deutschland in den Jahren 1949 bis 1975“ eingerichtet, der zum 31. Dezember 2018 seine Arbeit beendet hat. Für die neuen Bundesländer hat es den Fonds „Heimerziehung in der DDR“ gegeben.

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