Arbeit und Qualifizierung in Gießerei-Industrie

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Fachveranstaltung in Dortmund: Weiterbildung und Qualifizierung in der Gießerei-Industrie

Welche Aktivitäten und Qualifizierungen können dazu beitragen, dem strukturellen Wandel in der Gießerei-Industrie zu begegnen und Beschäftigung zu sichern? Eine Fachveranstaltung in Dortmund, gefördert aus Mitteln des ESF, gab dazu erste Antworten und zeigte, wie zentral Weiterbildung ist. Arbeitsminister Karl-Josef Laumann begrüßte die Teilnehmenden per Videobotschaft. Bericht und Fotogalerie.

"Arbeit und Qualifizierung in der Gießereiindustrie": So lautete das Thema einer Veranstaltung am 14. September 2017 im Signal Iduna Park in Dortmund, gemeinsam organisiert vom Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie, der IG Metall und dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen.

E-Mobilität, Digitalisierung und demografischer Wandel – all das hat gravierende Auswirkungen auch auf die Gießerei-Industrie und die Berufsfelder der Branche. Deshalb haben der Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie, die IG Metall und das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen gemeinsam eine mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds geförderte Veranstaltung zum Thema „Arbeit und Qualifizierung in der Gießereiindustrie“ organisiert. Ihr Ziel: Unternehmen und Beschäftigte dabei  unterstützen, mit vorbeugenden Weiterbildungsaktivitäten die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe und die Arbeitsplätze der Beschäftigten zu sichern.

Hochwertige Produkte brauchen hochqualifiziertes Personal

Gleich im ersten Satz seiner Videobotschaft fand NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann anerkennende Worte für das Zusammenwirken der drei Akteure im Vorfeld der Veranstaltung. Das sei „ein guter Ausdruck der sozialen Partnerschaft in Nordrhein-Westfalen.“ Nicht minder klar seine Wertschätzung für die Branche, um die es ging: „NRW ist das Kernland der Gießereiindustrie in Deutschland.“

Nordrhein-Westfalen, so der Minister weiter, ist „ein starkes Industrieland und wir wollen die langen Wertschöpfungsketten in NRW behalten und dazu gehört auch die Gießereiindustrie“. Doch die fortschreitende E-Mobilität, die Digitalisierung, der demografische Wandel sowie Billigprodukte aus dem Ausland erzeugen einen enormen Wettbewerbsdruck. Ihm müssen sich die Unternehmen und deren Beschäftigte stellen. Auch daran ließ Karl-Josef Laumann keinen Zweifel: „Qualitativ hochwertige Produkte lassen sich nur herstellen mit hoch qualifiziertem Personal.“

Die ESF-geförderten Instrumente Potentialberatung und Bildungsscheck sind gute Beispiele dafür, wie das Land gerade kleinen und mittelständischen Unternehmen und ihren Beschäftigten dabei hilft, die Wettbewerbs- und die Beschäftigungsfähigkeit zu stärken. Mit diesen Instrumenten können wir Unternehmen und Beschäftigten dabei helfen, dass sie sich „fit machen für neue Herausforderungen“ resümierte Minister Laumann.
 

 

Ausbildungsoffensive und Qualifizierungsprogramme

Wie stark der Wettbewerbsdruck ist, illustrierte anschließend Dr. Heinz-Jürgen Büchner von der IKB Deutsche Industriebank AG. Er lieferte ein differenziertes Bild vom globalen Wettbewerb der Branche, berichtete von „Marktanteilsgewinnen und gigantischem Umsatzwachstum asiatischer Gießereien“, von der Dominanz Chinas etwa beim Aluminiumguss, aber auch vom starken Konkurrenzdruck aus Osteuropa. Zudem wies er auf die „Belastung der Gießereiindustrie durch extrem hohe Stromkosten“ sowie auf die „hohe Personalaufwandsquote“ der Branche hin. Das habe deutschen Gießereien „keine nennenswerte Verbesserung der Ertragskraft erlaubt“.

Rasch kam er auf das Thema E-Mobilität und die Entwicklungen in der  Automobilindustrie zu sprechen. Zu Recht, denn fast 60 Prozent sämtlicher Gusslieferungen gehen an Kunden aus dem nationalen und internationalen Fahrzeugbau. So finden sich Gusskomponenten nicht nur im Motor, sondern auch im Fahrwerk sowie im Bereich der Karosserie. Doch der Bedeutungszuwachs der Elektromobilität wie auch die steigenden Effizienz- und Nachhaltigkeitsanforderungen erfordern neue Produktportfolios der Gießereiindustrie, denn Motoren- und Getriebeteile werden in E-Autos nicht mehr benötigt.

Zu den von Dr. Heinz-Jürgen Büchner genannten Reaktionsoptionen auf die globalen Veränderungen zählen unter anderem eine „Begrenzung der Strompreisbelastung für stromkostenintensive Unternehmen“ sowie „Anstrengungen, um qualifiziertes Personal zu halten und zu gewinnen“. Allein in den nächsten fünf Jahren, so Büchner, geht eine Vielzahl qualifizierter Beschäftigter in den Ruhestand, darunter viele Werkmeister. Unverzichtbare Konsequenzen daraus sind nach seiner Überzeugung eine Ausbildungsoffensive, Programme zur Bindung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Qualifizierungsprogramme „auch für Migrantinnen und Migranten“.  

Breites Unterstützungsangebot der Agentur für Arbeit

Welche attraktiven Unterstützungsangebote die Agenturen für Arbeit Unternehmen und Beschäftigten in diesem Handlungsfeld zur Verfügung stellen, zeigte Stephanie Schmidt von der Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen der Bundesagentur für Arbeit. Ihre Einrichtung berät Unternehmen und Beschäftigte auch vor Ort in den Betrieben, bespricht mit ihnen mögliche Qualifizierungsprozesse, informiert über Fördervoraussetzungen und leistet Hilfestellung bei Antragstellung und Umsetzung von Weiterbildungsmaßnahmen.
 
Die Unterstützung hat Gewicht. So kann die Arbeitsagentur beim nachträglichen Erwerb eines Berufsabschlusses neben der Übernahme der Weiterbildungskosten auch in Einzelfällen einen Zuschuss zum Arbeitsentgelt bis zu 100 Prozent leisten. Vorausgesetzt, eine anschließende Weiterbeschäftigung ist garantiert. Gefördert werden können für gering Qualifizierte Vorbereitungslehrgänge auf die Externenprüfung und berufsabschlussfähige Teilqualifizierungen genauso wie betriebliche Umschulungen und außerbetriebliche Gruppenumschulungen.

Differenzierter die Förderung „sonstiger Qualifizierungen“. So sind zum Beispiel für Kleinstunternehmen mit bis zu zehn Beschäftigten Anpassungsqualifizierungen bis 100 Prozent förderbar. In größeren Unternehmen mit bis zu 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kann die Agentur für Arbeit bei Beschäftigten unter 45 Jahren bis zu 50 Prozent und bei über 45-Jährigen bis zu 75 Prozent der Lehrgangskosten übernehmen, „wenn die Weiterbildung in die Arbeitszeit fällt.“ Ergänzt wurden die Ausführungen von Stephanie Schmidt durch Informationen ihres Kollegen Heribert Markoni zum Thema „Bezug von Kurzarbeitergeld“. Frau Schmidt und Herr Markoni empfahlen den Anwesenden Kontakt zur Arbeitsagentur vor Ort aufzunehmen, wenn Weiterbildungsaktivitäten geplant werden.

Beispiele guter Praxis

Wie erfolgreich Qualifizierungsprozesse verlaufen können, dokumentierten Dieter Mewes von der VDG-Akademie, einer Weiterbildungseinrichtung für die Gießerei-Industrie, sowie Frank Bahnsen von TÜV Nord mit ihrer Präsentation der „Qualifizierungsinitiative Gießereitechnik 2007 bis 2017“.

Hier ging es darum, mit der bedarfsgerechten Qualifizierung auch branchenfremder Personen dem Fachkräftemangel zu begegnen. Die modular aufgebauten Lehrgänge dauerten zwischen drei und elf Monate. Insgesamt ein großer Erfolg: 95 Prozent der Teilnehmenden bestanden die Abschlussprüfung und 90 Prozent wurden vermittelt. Angesichts der heutigen Herausforderungen steht für Dieter Mewes außer Frage: „Wir brauchen eine neue Weiterbildungskultur und eine systematische Qualifizierungsplanung für jeden einzelnen Arbeitsplatz!“

Ebenfalls von Weiterbildungserfolgen zu berichten wusste Gaby Schilling von der IG Metall. Sie stellte die Inhalte des Tarifvertrags Bildung vor. Er regelt sowohl die „betrieblich notwendige“, die „betrieblich zweckmäßige“ wie auch die „persönliche berufliche Qualifizierung“ und bietet Möglichkeiten der Freistellung und der unterstützenden Finanzierung. Noch wird der Tarifvertrag Bildung nach ihren Erfahrungen „viel zu selten genutzt“. Wie sinnvoll indes eine Nutzung ist, illustrierte sie an Beispielen auch älterer Beschäftigter, die etwa den IHK-Facharbeiterbrief „Maschinen- und Anlagenführer“ erwarben oder die Weiterbildung „CNC-Programmierung und Systembedienung“ absolvierten.

Die erfolgreiche Gießerei der Zukunft - ein Expertengespräch

Den „Herausforderungen für die erfolgreiche Gießerei der Zukunft“ widmete sich abschließend ein Expertengespräch. Wie stark die Branche momentan noch ist, ließ sich den Worten von Max Schumacher, Sprecher Hauptgeschäftsführung BDG Bundes¬verband der Deutschen Gießerei-Industrie, entnehmen: „Wir sind Produktivitätsweltmeister sowie Technologieführer in Europa“. Zugleich beklagte er jedoch die hohen Kosten der Gießereiindustrie vor allem für Personal, Rohstoffe und Energie: „Die aktuelle Leistungsrendite beträgt gerade mal 1,6 Prozent. Ein Drittel der Betriebe fährt Verluste.“
Für ihn wie auch für Dr. Heinz-Jürgen Büchner von der IKB Deutsche Industriebank AG ist klar: Die Digitalisierung sowie neue Fertigungsverfahren und Technologien werden in den nächsten Jahren die Arbeitswelt entscheidend verändern: „Lernen muss deshalb zukünftig selbstverständlicher Bestandteil des Berufsalltags sein“.

Unterstützung fanden sie mit ihrer Auffassung bei Thorsten Armborst, Fachbereich Tarifpolitik, Tarifrecht, Arbeitswirtschaft, METALL NRW. Er plädierte dafür, „die Modularisierungsmöglichkeiten der Weiterbildung zu nutzen, um die Hemmschwelle so gering wie möglich zu halten“, während Holger Hanns Lorek, Branchenbetreuer Gießereien IG Metall Vorstand, Zwb. Düsseldorf, davor warnte, „an der Lohnschraube zu drehen“: „Ein Personalkostenwettbewerb mit der Türkei - das wird nicht funktionieren.“ Besser statt billiger ist in seinen Augen die erfolgreichere Strategie. Er wünschte sich deshalb „eine Massenbewegung in der Weiterbildung“.   

Verständnis für die Klagen der Arbeitgeberseite über allzu hohe Stromkosten äußerte Karl-Uwe Bütof, Abteilungsleiter im Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen. Er unterstützte ihre Forderung nach Energiepreisen, die „bezahlbar und planbar“ sind. Zugleich versprach er ein ressortübergreifendes Handeln seines Hauses beim Thema Digitalisierung und Automatisierung: „Die Verantwortlichkeiten werden zusammengeführt!“ Und er ergänzte: „Alle damit in Verbindung stehenden Aspekte wollen wir gemeinsam mit den Sozialpartnern beraten, denn das ist in NRW eine segensreiche Verbindung.“

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