Fachaustausch zum Förderprogramm Potentialberatung

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3. Fachaustausch zur Potentialbratung - Blick in den Veranstaltungssaal

Digitalisierung der Arbeitswelt: "Mit Neugier und Gestaltungslust!"

Informations- und Erfahrungsaustausch zum Förderprogramm Potentialberatung am 28.06.2018 in Essen

Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt grundlegend verändern. Unternehmen und Beschäftigte müssen sich rechtzeitig darauf einstellen. Hilfreich und wirkungsvoll ist dabei die Potentialberatung, ein ESF-gefördertes Angebot des nordrhein-westfälischen Arbeitsministeriums. Das zeigte der 3. Informations- und Erfahrungsaustausch zum Förderprogramm Potentialberatung in Essen. Das Instrument kann zum Treiber der betrieblichen Modernisierung werden, so Staatssekretär Dr. Edmund Heller.

Informations- und Erfahrungsaustausch zum Förderprogramm Potentialberatung

Kein anderes Thema wird zur Zeit so stark diskutiert wie die Digitalisierung. Dr. Edmund Heller, Staatssekretär im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, nahm das in Essen zum Anlass, vor rund 70 Vertreterinnen und Vertretern der "Beratungsstellen für die Potentialberatung" eine Maxime der Landesregierung in diesem Handlungsfeld klar zum Ausdruck zu bringen: "Unternehmen wird die Digitalisierung nur gelingen, wenn ihre Beschäftigten die Zukunftskonzepte mitgestalten."

Digitalisierung, Fachkräftesicherung und Ausbildung - all das ist eng miteinander verknüpft. Grund genug für den Staatssekretär, die Schwerpunkte des Arbeitsministeriums in dieser Legislaturperiode näher vorzustellen. Den entscheidenden Beitrag zur Fachkräftesicherung, so Dr. Heller, liefere die duale Berufsausbildung: "Ohne duale Ausbildung kein Wohlstand für unser Land". Dabei jene nicht aus dem Auge zu verlieren, "die schon früh auf die Verliererstraße zu geraten drohen", sei "ein besonderes Anliegen von Arbeitsminister Karl-Josef Laumann". Für sie, für Jugendliche mit Startschwierigkeiten, werde das Land 1.000 zusätzliche Ausbildungsplätze schaffen. Von zentraler Bedeutung sei dabei der Lernort Betrieb. Zudem wird das Land das sogenannte Werkstattjahr wieder einführen, das Schulabgänger ohne Ausbildungsreife zusätzlich qualifizieren soll.

Eindringlich rief der Staatssekretär dazu auf, sich weniger auf "Katastrophen-Szenarien" zu fokussieren, die "Digitalisierungsprozesse eher statistisch betrachten", als vielmehr auf die mit ihr verbundenen Chancen. Ob es wirklich so kommt, wie jüngst auf der Hannover-Messe zu hören war, dass nämlich "zukünftige Mitarbeiter in Daten denken werden und nicht mehr in Gütern", sei schwer vorhersagbar. Klar sei aber schon jetzt, dass die Innovationszyklen immer kürzer werden, dass sich Arbeitsorganisationen und Anforderungsprofile schnell und tiefgreifend ändern.

Potentialberatung: "Treiber der betrieblichen Modernisierung"

Genau hier kommt die Potentialberatung ins Spiel. Mit ihrer Hilfe können Betriebe entlang von fünf zentralen Themenbereichen ihre Stärken und Schwächen ermitteln sowie - zusammen mit den Beschäftigten - betriebsspezifische Lösungen erarbeiten: Arbeitsorganisation, Kompetenzentwicklung, demografischer Wandel, Gesundheit und Digitalisierung. Die Potentialberatung, so der Staatssekretär, "könne die Kreativität der Beschäftigten freisetzen und zum Treiber der betrieblichen Modernisierung werden."

Bei der Entwicklung passender Qualifizierungsstrategien empfahl er, die Potentialberatung mit einem anderen, ebenso erfolgreichen Förderinstrument des Landes zu verknüpfen: dem Bildungsscheck NRW. Die positive Nachricht: Die aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) zur Verfügung stehenden Fördermittel werden bis 2020 sogar von ursprünglich fünf auf bis zu 30 Millionen Euro pro Jahr erhöht.

Auch Ältere, Geringqualifizierte und Menschen mit noch geringen Deutschkenntnissen müssten an Weiterbildung partizipieren. "Ganze Personengruppen auszuschließen können wir uns nicht mehr leisten", betonte Dr. Heller, "Wir müssen alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mitnehmen und mit Neugier und Gestaltungslust den Herausforderungen der Digitalisierung begegnen."

Fallbeispiel 1: Hörster Betonwerke

Gleich anschließend illustrierten zwei Fallbeispiele, wie nützlich Potentialberatungen im betrieblichen Technisierungs- und Digitalisierungsprozess wirken können, gerade weil sie nicht nur die Technik, sondern das gesamte Unternehmen und damit auch die Organisations- und Kompetenzentwicklung mit in den Blick nehmen.  

So hatte die Hörster Betonwerk GmbH in Halle/Westfalen, Hersteller hochwertiger Betonprodukte, im Jahr 2010 eine automatisierte Produktionsanlage eingerichtet. Doch die Organisations- und Kompetenzentwicklung hatte mit dem technischen Fortschritt nicht mitgehalten. Eine Erkenntnis, die Geschäftsführer Stefan Habighorst veranlasste, eine ESF-geförderte Potentialberatung in Anspruch zu nehmen.

Im Rahmen der zunächst durchgeführten Stärken-Schwächen-Analyse wurde festgestellt, dass die gesamte Organisation auf den Geschäftsführer zugeschnitten war. Niemand im Unternehmen war in der Lage, ihn bei Bedarf kompetent zu vertreten und damit zu entlasten. Was zusätzlich fehlte, waren klar geregelte Zuständigkeiten und Verantwortungsbereiche. Zudem zeigten sich gravierende Mängel in der externen und internen Kommunikation: "Alle sind technisch bestens miteinander ausgebildet, sitzen vor ihrem Computer - aber sprechen nicht miteinander."

Jetzt kam im Rahmen der Potentialberatung Unternehmensberaterin Margit Pack zum Einsatz. Nach einer gemeinsamen Bedarfsanalyse mit dem Geschäftsführer fanden interaktive Workshops mit allen Beschäftigten statt. Hier brachten sie ihre Ideen ein zu den Themen "professionelles Beschwerdemanagement", "interne Teamarbeit" und "lösungsorientierte Kommunikation". Neben grundlegenden strukturellen Veränderungen entstand ein neuer Slogan und damit ein neues Verhalten im Kundenkontakt: "Liebenswürdig Nutzen bieten". Geschäftsführer Stefan Habighorst zeigte sich von den Resultaten der Potentialberatung begeistert: "Wer sowas nicht nutzt, ist selber schuld."

Fallbeispiel 2: HWL Werbeagentur

Beachtliche 25 Jahre konnte sich die Düsseldorfer HWL Werbeagentur mit ihren Dienstleistungen in den Bereichen Brand, Digital und Print am schnelllebigen Branchen-Markt behaupten. "Doch irgendwann", räumte Geschäftsführerin Jutta Wenger ein, "begann eine Phase der Orientierungslosigkeit. Unklar war, in welche Richtung es weitergehen soll und wie man aus "alten Printern" "junge Digitale" macht."

Am besten mit einer ESF-geförderten Potentialberatung, lautete die Antwort, durchgeführt von Oliver Wüntsch vom Beratungsunternehmen redplane Business Coaching. Vor allem die gemeinsamen Workshops mit Geschäftsführung und Beschäftigten brachten die Lösungen. Jutta Wenger: "Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fühlten sich sofort wertgeschätzt. Sie sind die Expertinnen und Experten für ihre eigenen Tätigkeiten und hatten sofort die tollsten Ideen. Dabei zeigte sich: die Veränderungsbereitschaft ist nicht abhängig vom Alter, sondern vom Typ."

Veränderungen gab es genug. Hier nur wenige Beispiele zur Illustration: Interne Wikis wurden eingerichtet, Online-Medien unter dem Motto "Mobile first" umgebaut und Kunden haben zukünftig unter dem Stichwort "open Innovation" jederzeit Zugang zum Bearbeitungsstand eines Auftrags. Das ging nicht ohne Weiterbildung. Die Beschäftigten nutzten dazu den Bildungsscheck NRW, und auch die Geschäftsführerin hat ein Zertifikat erworben: sie ist jetzt Online-Marketing-Managerin. Jutta Wenger: "Statt, wie ursprünglich befürchtet, Personal abzubauen, planen wir jetzt eine Neueinstellung. Ohne die Potentialberatung hätten wir das parallel zum Tagesgeschäft nicht geschafft."

"Technik-, Organisations- und Kompetenzentwicklung miteinander verknüpfen"

Anschließend lieferte Dr. Jens Stuhldreier, Referatsleiter im MAGS NRW, Zahlen, Daten und Fakten zur Potentialberatung. Symptomatisch dürfte sein, dass der Anteil der Potentialberatungen, bei denen die Digitalisierung Schwerpunktthema war, binnen eines Jahres von 16 auf 24 Prozent gestiegen ist.

Neben dem Rückblick ein Ausblick: Dr. Jens Stuhldreier verwies auf den engen Dialog zwischen dem Arbeitsministerium und dem Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie sowie auf die vom MWIDE geplante "KMU-Digitalisierungsinitiative": "Damit sind zugleich die Ideen und die Philosophie der arbeitsorientierten Modernisierung wichtiger Teil der gesamten Digitalisierungspolitik des Landes Nordrhein-Westfalen. Das ist eine neue Qualität".

Im Weiteren stellte er die - "eindeutig positiven" - Ergebnisse einer Befragung der Potentialberatungsstellen durch die landeseigene Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.) vor. Außerdem sprach er an, was in den Workshops zum Abschluss der Veranstaltung unter den Expertinnen und Experten aus den Regionen noch intensiv und ausführlich diskutiert werden sollte: die Einbeziehung von Einrichtungen wie zum Beispiel dem Zentrum für Innovation und Technik in Nordrhein-Westfalen, kurz ZENIT, in die Beratungsprozesse sowie in die Runden Tische vor Ort. Ziel ist, Technik-, Organisations- und Kompetenzentwicklung zukünftig noch besser miteinander zu verknüpfen als schon bisher.

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