Qualifizierung der Beschäftigten in der Kunststoffindustrie Nordrhein-Westfalen

Bild des Benutzers Arbeit.Meding
Gespeichert von Arbeit.Meding am 17. November 2017
Blick in den Veranstaltungsraum, Dr. Edmund Heller neben Videoleinwand

Keine Digitalisierung ohne Qualifizierung. Landesregierung stärkt Beschäftigte und Unternehmen

Elektromobilität und Autonomes Fahren - Veranstaltung im Kunststoff-Institut Lüdenscheid

Durch Digitalisierung und Ausrichtung der Automobilhersteller auf die Elektromobilität steht die Kunststoffindustrie vor großen Veränderungen. Die Landesregierung unterstützt dabei, den Wandel zu meistern. Das zeigte eine ESF-geförderte Fachveranstaltung in Lüdenscheid. Staatssekretär Dr. Edmund Heller machte deutlich, der digitale Aufbruch könne aber nur mit hervorragend ausgebildeten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gelingen. Bericht und Fotogalerie

Die Digitalisierung und die damit einhergehende immer stärkere Ausrichtung der Automobilhersteller auf die Elektromobilität stellt die nordrhein-westfälische Kunststoffindustrie vor große Herausforderungen. Wie das Arbeitsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen die Unternehmen dabei unterstützt, den Wandel auch im Interesse der Beschäftigten erfolgreich zu meistern, zeigte die am 14. November 2017 mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds geförderte Fachtagung mit 120 Expertinnen und Experten im Kunststoff-Institut Lüdenscheid.

Klare Worte gleich zu Beginn der Veranstaltung „Elektromobilität und Autonomes Fahren. Veränderungen - Risiken - Chancen“ im Kunststoff-Institut Lüdenscheid: „Ohne hervorragend ausgebildete Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer kann der digitale Aufbruch nicht gelingen“, machte Dr. Edmund Heller, Staatssekretär im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, unmissverständlich deutlich. Er zeigte sich überzeugt: „Die rechtzeitige Investition in die Qualifizierung der Belegschaften kommt den Unternehmen zugute.“   

Gut vorbereitet bietet der Trend zur Elektromobilität nach Ansicht des Staatssekretärs „gewaltige Zukunftschancen“ für die Industrie in Nordrhein-Westfalen, Europas führendem Automobilstandort.  

Bei bloßen Worten belässt es die Landesregierung indes nicht, versicherte Dr. Edmund Heller und verwies beispielhaft auf die Allianz Wirtschaft und Arbeit 4.0., mit der Spitzenvertreter aus Wirtschaft, Gewerkschaften und Wissenschaft gemeinsam mit der Landesregierung Nordrhein-Westfalen als Spitzenstandort der digitalen Wirtschafts- und Arbeitswelt weiter entwickeln wollen: „Die übergreifende Zusammenarbeit bei der Digitalisierung ist einmalig in Deutschland.“  

Die Landesregierung hat dabei immer auch die Beschäftigten im Blick. „Die Gestaltung der Digitalisierung durch die Qualifizierung der Beschäftigten ist ein Schwerpunkt in der gegenwärtigen Legislaturperiode.“ Hier, wusste Dr. Edmund Heller zu berichten, „will Arbeitsminister Karl-Josef Laumann klare Prioritäten setzen.“   

Bereits heute stellt das Landesarbeitsministerium dafür „unkomplizierte und sehr effektive Unterstützungsmöglichkeiten“ zur Verfügung, so der Staatssekretär, darunter die Qualifizierungsberatung, die Potentialberatung sowie den Bildungsscheck - bewährte Förderinstrumente, die im weiteren Verlauf der Veranstaltung noch einmal im Mittelpunkt stehen sollten.

Enormer Wachstumsmarkt

Zuvor aber unterstrich Dipl.-Ing. Stefan Schmidt von der Geschäftsführung des Kunststoff-Instituts Lüdenscheid (KIMW GmbH) die Zusammenarbeit der Akteure in der Kunststoffindustrie. Sie sei „alles andere als ein bloßes Lippenbekenntnis, sondern praktisch, wirkungsvoll und unverzichtbar gerade an der Schwelle zur Digitalisierung, an der wir noch nicht genau wissen, was kommt, aber genau wissen, dass sich mit ihr dramatische Veränderungen ergeben.“

Welche Veränderungen das im Produktionsbereich sind und sein können, illustrierte in seinem anschließenden Vortrag Dr.-Ing. Johannes Triebs, Chair of Production Engineering of E-Mobility Components (PEM) der RWTH Aachen, dem - nach eigenem Bekunden – „Silicon Valley für E-Mobil-Produktion“.

Gegenwärtig sind rund 37.000 Elektroautos auf Deutschlands Straßen unterwegs. Nach dem Willen der Bundesregierung sollen es schon in wenigen Jahren mehr als eine Million sein. Ob das in diesem kurzen Zeitraum Wirklichkeit wird, stellte Johannes Triebs jedoch in Frage. Geringe Reichweiten der Elektrofahrzeuge und eine unzureichende Ladeinfrastruktur bremsen die Entwicklung. Und dennoch: Elektromobilität und autonomes Fahren sind ein gewaltiger Wachstumsmarkt.  

Mit der E-Mobil-Produktion, mit neuen Mobilitätskonzepten und autonomen Fahrzeugen, so der Wissenschaftler, wird eine Vielzahl neuer Kunststoffkomponenten entstehen, an die besondere Anforderungen gerichtet sind. Das betrifft Kunststofftechnologien im E-Motor wie beispielsweise die Isolierung genauso wie das Interieur und das Exterieur und hier etwa den „leichtbaugetriebenen Wechsel auf Kunststoffverkleidungsteile“. All das, war sich Johannes Triebs sicher, bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Qualifizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Unternehmen.

Mehr Chancen als Risiken

Um „Elektromobilität und Autonomes Fahren“ ging es auch im Vortrag von Bettina Leuchtenberg, Mitarbeiterin der Continental Automotive GmbH in Babenhausen. Wie bereits ihre Vorredner ließ sie keinen Zweifel daran, dass sich die Automobilzulieferindustrie auf gravierende Veränderungen einstellen muss. Eine neue Antriebstechnik und alternative Fahrzeugkonzepte machen einen Teil der bisherigen Komponenten überflüssig, so Bettina Leuchtenberg. Gleichzeitig eröffnen sich nach ihrer Auffassung bei der Entwicklung von Bauteilen für die Fahrzeuge der Zukunft neue Chancen, insbesondere bei der „Fahrer-Fahrzeug-Interaktion.“

Noch sind viele Fragen offen, konstatierte Dipl.-Ing. Michael Tesch vom Kunststoff-Institut Lüdenscheid, der sich mit den Materialentwicklungen und Eigenschaftsanforderungen bei Elektromobilen befasste. „Bei vielen Unternehmen ist das Thema Elektromobilität noch nicht angekommen“, bedauerte er, „doch die Branche insgesamt ist in Bewegung.“

Für die Zulieferer der Automobilindustrie sah er hohen Handlungsbedarf: „Sie sind gefordert, sich auf einen neuen Markt einzustellen, und das umfasst alle Bereiche: vom Motor und den Aggregaten über Powertrain, also den Antriebsstrang, bis hin zur Karosserie.“ Sein Resümee zur Entwicklung der Elektromobilität fasste der Ingenieur kurz und prägnant zusammen: „Mehr Chancen als Risiken.“

„Der Mensch im Mittelpunkt der Betrachtung“

Bevor Dipl.-Ing. Torsten Urban vom Kunststoff-Institut abschließend Projektideen für KMU in der Kunststoffverarbeitung im „Zukunftsfeld Elektromobilität“ vorstellte, erweiterte Dr. Jens Stuhldreier vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales Nordrhein-Westfalen das Blickfeld der Technikexpertinnen und -experten, indem er den „Schlüsselfaktor Qualifizierung“ und damit die Beschäftigten, die Menschen ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Sein Diktum: „Keine Wirtschaft 4.0 ohne Arbeitswelt 4.0.“

Zunächst kritisierte Jens Stuhldreier die publizistische Berichterstattung beim Thema Digitalisierung, bei der meist das Negative einer technologischen Veränderung im Vordergrund stehe, als „einseitig alarmistisch“. Natürlich, so der Leiter des Referats „Modernisierung der Arbeit“ im Arbeitsministerium, werden auch im Zuge der Elektromobilität Jobs verloren gehen, „doch es werden auch neue Berufe und neue Tätigkeiten innerhalb der Berufe entstehen, an die wir heute noch gar nicht denken.“

Aber, stellte er gleichzeitig klar, Digitalisierung und Elektromobilität verlangen auch Anpassungsleistungen - von den Unternehmen genauso wie von den Beschäftigten. Zentral dabei sei „die Verbindung von Prozess-, Personal- und Organisationsentwicklung.“

Bei allen erforderlichen Anpassungsleistungen, betonte Jens Stuhldreier, lässt die Landesregierung die Unternehmen und ihre Beschäftigten nicht allein. Mit Nachdruck warb er für die Inanspruchnahme der über den Europäischen Sozialfonds finanzierten Angebote des Arbeitsministeriums Nordrhein-Westfalen in diesem Handlungsfeld.  

Da ist zum Beispiel die Qualifizierungsberatung: Sie unterstützt kleine und mittlere Unternehmen, die Kompetenzen der Beschäftigten zu analysieren und sichern sowie ein nachhaltiges betriebliches Weiterbildungs- und Wissensmanagement aufzubauen. In Ergänzung dazu haben die Unternehmen durch Inanspruchnahme der Potentialberatung die Möglichkeit, in den Schwerpunktthemen  Arbeitsorganisation, Kompetenzentwicklung, Demografischer Wandel, Gesundheit und Digitalisierung betriebsindividuelle Lösungswege zu erarbeiten, um notwendige Veränderungsschritte einzuleiten. Das bewährte Instrument nimmt dabei immer das Unternehmen als Ganzes in den Blick und schließt grundsätzlich die Beteiligung der Beschäftigten mit ein.
An die Beschäftigten von kleinen und mittelständischen Unternehmen richtet sich auch der Bildungsscheck NRW. Mit ihm unterstützt die Landesregierung die auch in dieser Veranstaltung hervorgehobene notwendige berufliche Weiterbildung. Nicht zu vergessen das Modellprojekt „Arbeit 2020“ und - für Entwicklungsvorhaben - das Fachkräfteprogramm NRW. Alle Angebote, versicherte der Arbeitsmarktexperte, sind „konkret, unbürokratisch und kommen direkt bei den Beschäftigen an“.

Relevante

Pressemitteilungen

Weiteres

zum Thema