Zukunft guter Arbeit in Industrie und Gewerbe – Veranstaltung in Essen

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Podiumsdiskussion mit Minister Laumann (l.) und Vertretern von Industrie und Gewerkschaft

Strategien für die Zukunft guter Arbeit - Minister Laumann im Gespräch mit Gewerkschaft und Industrie

Minister Karl-Josef Laumann und IG BCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis diskutieren beim Chemieunternehmen Evonik über die Zukunft der Arbeit, gemeinsame Veranstaltung von Ministerium und Gewerkschaft

Wie kann Nordrhein-Westfalen ein starkes Industrieland mit guten sicheren Arbeitsplätzen bleiben, angesichts der Herausforderungen durch Energiewende, Klimaschutz und Digitalisierung? Auf einer gemeinsamen Veranstaltung diskutierte Minister Laumann mit Vertretern der Industrie und der Gewerkschaft IG BCE über Lösungen und Strategien.

Strategien entwickeln, um gute Arbeit in Industrie und Gewerbe zu erhalten oder zu schaffen - das war das Ziel einer gemeinsamen, aus Mitteln des ESF geförderten Veranstaltung des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (MAGS) und der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) in Essen. Gastgeber der Veranstaltung war das Chemieunternehmen Evonik Industries AG.

Die Industrie gilt als Zugpferd der deutschen Wirtschaft. Ihre Wertschöpfung ist entscheidend für Deutschlands Wohlstand. So erwirtschaften die Industriebranchen in Nordrhein-Westfalen mit ihren 1,26 Millionen Beschäftigten in über tausend Betrieben 18,4 Prozent des deutschen Industrieumsatzes.

Doch die Herausforderungen sind gewaltig: „Megatrends“ wie Energiewende, Klimaschutz und Digitalisierung verlangen neue Strategien von Wirtschaft und Politik. Nur so, waren sich in Essen Minister Karl-Josef Laumann und Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE, einig, wird Nordrhein-Westfalen auch in Zukunft ein starkes Industrieland mit gut abgesicherten Arbeitsplätzen bleiben.

„Eine Lobby für Arbeitsplätze“

„Gute Löhne und sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse“, so Minister Karl-Josef Laumann, „sind wichtig für die Familien, aber auch wegen der damit verbundenen höheren Krankenversicherungsbeiträge für die Gesundheitsversorgung der Menschen.“ Zugleich kritisierte der Minister an der aktuellen Debatte über Energiewende und Klimaschutz die „mangelnde Wertschätzung“ eines Teils der Gesellschaft für die Wertschöpfung in Industrie und Gewerbe. Ohne sie ließen sich effektives und effizientes Handeln nicht realisieren. Karl-Josef Laumann zeigte sich deshalb überzeugt, dass „alle Entscheidungen und Maßnahmen in diesen Handlungsfeldern auf ihre Tauglichkeit für den Erhalt von Arbeitsplätzen in Industrie und Gewerbe zu überprüfen“ seien. Er stellte klar: „Wir brauchen eine Lobby für Arbeitsplätze.“

Für sein Anliegen hatte der Minister mit Michael Vassiliadis einen überzeugten Mitstreiter an seiner Seite. Der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) plädierte nachhaltig dafür, den Herausforderungen in den Bereichen Energie und Klima „nicht emotional mit herbeifabulierten und Verwirrung stiftenden Hiobsbotschaften“ zu begegnen, sondern sachlich zu überlegen, „wie man bei der Lösung von Problemen die Stärken von Industrie und Gewerbe in Nordrhein-Westfalen nutzen kann.“

Evonik: Erprobungsraum zum Testen neuer Arbeitsmodelle

Die Stärken insbesondere der Chemieindustrie verdeutlichte Thomas Wessel, Personalvorstand und Arbeitsdirektor der Evonik Industries AG. Das Unternehmen beschäftigt bei einem Umsatz von mehr als 13 Milliarden Euro weltweit 32 000 Menschen, darunter 7000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Chemiepark Marl in Nordrhein-Westfalen.

Hier, in Marl, investiert der Konzern aktuell 400 Millionen Euro in den Bau eines neuen Anlagenkomplexes zur Herstellung von Polyamid 12. Der ressourcenschonende Hochleistungskunststoff kommt in Wachstumsmärkten wie dem Automobilbau, der Öl- und Gasindustrie und im 3D-Druck zum Einsatz. Trotz internationaler Bewerbungen bis hin nach Singapur hat sich das Unternehmen nach reiflicher Überlegung für den Standort in Nordrhein-Westfalen entschieden.  

Aus Sicht des Arbeitsdirektors muss für jedes Unternehmen immer der Mensch im Mittelpunkt stehen. Das gilt auch für die Digitalisierung. So hat Evonik virtuelle Lernräume entwickelt und ein New Work Lab geschaffen, einen Erprobungsraum zum Testen neuer Arbeitsmodelle. Genauso wichtig wie die Weiterbildung der Beschäftigten ist dem Unternehmen die duale Berufsausbildung. Der Konzern liegt mit seiner Ausbildungsquote seit Jahren über dem bundesweiten Durchschnitt und bildet in 17 Berufen aus. Entsprechend selbstbewusst die Ansage von Thomas Wessel: „Wir wollen der beste Spezialchemiekonzern der Welt werden.“

Nachhaltige Weiterentwicklung industrieller Wertschöpfungsketten

Über den „Erfolgsfaktor Wertschöpfungsketten“ sowie über Vorteile und Risiken des für Deutschland und Nordrhein-Westfalen typischen „hohen inländischen Wertschöpfungsanteils“ referierte Professor Dr. Ralf B. Wehrspohn, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen in Halle. Die „hohe Wertschöpfungstiefe“, so der Wissenschaftler, stärke die ökonomische Resilienz gegen „externe Schocks“. Andererseits „können sich operative Risiken eines Unternehmens und disruptive systemische Veränderungen rasch auf die gesamte Wertschöpfungskette auswirken.“

Als Erfolgsfaktoren für zukunftssichere Wertschöpfungsketten benannte er die Bildung industrieller Cluster, die Infrastruktur, Forschung und Entwicklung sowie - last not least - das Humankapital. Anerkennende Worte fand der Wissenschaftler in diesem Kontext für das Leitbild „Rheinisches Zukunftsrevier“, das zum „Innovation Valley Rheinland“ avancieren soll. Die europäische Modellregion für Energieversorgungs- und Ressourcensicherheit  setzt auf die nachhaltige Weiterentwicklung industrieller Wertschöpfungsketten, um für die nachlassende Wertschöpfung aus der Kohle und dem damit verbundenen Wegfall von Arbeitsplätzen adäquaten Ersatz zu schaffen.

Inhaltlich gleichlautend mit Minister Karl-Josef Laumann und dem Gewerkschafter Michael Vassiliadis forderte der Professor zudem, beim Klimaschutz nicht nur Deutschland im Blick zu haben, sondern „exportfähige Lösungen zu entwickeln“, als „Modell für die ganze Welt.“  

Verlässliche Rahmenbedingungen

Bei der anschließenden, von Martin Wocher vom „Handelsblatt“ Düsseldorf moderierten Podiumsdiskussion hob Philipp Schlüter, Vorsitzender des Vorstands trimet Aluminium SE in Essen „das Denken in langfristigen Perspektiven“ und das Verantwortungsbewusstsein des Mittelstands für die Gesellschaft wie auch für die eigenen Beschäftigten hervor. Doch ständig neue Belastungen im Energiebereich zum Beispiel in Form einer CO2-Steuer seien nicht verkraftbar: „Wie soll der Mittelstand das schaffen?“ Und weiter: „Wir wollen mehr Leute einstellen, doch dazu brauchen wir Wachstum!“

Für Martin Krengel, Mitglied des Vorstands von unternehmer nrw und Vorsitzender des Vorstands WEPA - Industrieholding SE, war entscheidend, Industriearbeitsplätze in Nordrhein-Westfalen zu erhalten. Übergeordnete Themen waren für ihn unter anderem eine bessere Verkehrsanbindung sowie Bildung: „Gerade angesichts der Digitalisierung müssen wir Menschen über Weiterbildung befähigen, statt einer bislang eher monotonen Tätigkeit in Zukunft qualifiziertere Aufgaben zu übernehmen.“  

„Investitionen in Infrastruktur“ forderte auch Thomas Wessel von der Evonik Industries AG sowie grundsätzlich „verlässliche Rahmenbedingungen seitens der Politik“. Mit einem Vergleich zwischen China und Deutschland hinsichtlich ihrer stark differierenden staatlichen Ausgaben im Bereich der Digitalisierung illustrierte er anschaulich das Ausmaß internationaler Konkurrenz. Zugleich sprach er sich, wieder mit Blick auf Deutschland, für Flächentarifverträge aus.

Industriearbeitsplätze erhalten, Wohlstand sichern

Vehement setzte sich Michael Vassiliadis von der IG BCE in seinem Abschlussplädoyer für den Erhalt von Industriearbeitsplätzen ein: „Wenn wir nur noch umlagefinanzierte Jobs haben“, so der Gewerkschafter, „haben wir ein Problem.“

Eine Einschätzung, die bestens mit dem Schlusswort von Minister Karl-Josef Laumann harmonierte: „Wir können nicht alle Menschen zu Dienstleistern machen. Schon deshalb nicht, weil es nicht ihrer Persönlichkeitsstruktur entspricht. Für die Menschen, die hier in Nordrhein-Westfalen leben, brauchen wir auch Arbeitsplätze in der Produktion, in Industrie und im Gewerbe. Nur so lässt sich der Wohlstand sichern.“  

Das Arbeitsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen wird die Diskussion in gezielten Branchendialogen weiterführen, um die in Essen exemplarisch angesprochenen Themen weiter zu vertiefen und gemeinsam Handlungsansätze zu finden und anzugehen.

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