Attraktive Arbeitgeber in der Pflegebranche: "Gute Arbeit – Gutes Image!"

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Gespeichert von Arbeit.Meding am 21. Mai 2019
Melanie Taube, Leiterin Regionalagentur OWL, mit Mikrofon
Interview

"Viele Beschäftigte erfahren ihren Beruf als verantwortungsvoll und sinnstiftend" - Veranstaltung der Regionalagentur Ostwestfalen-Lippe

So wie überall in Deutschland fehlen auch in Ostwestfalen-Lippe Fachkräfte für die Pflege. Um neue Strategien für die Fachkräftegewinnung zu entwickeln, hat die Regionalagentur Ostwestfalen-Lippe die Veranstaltung "Pflege in Ostwestfalen: Gute Arbeit – Gutes Image!" durchgeführt. Melanie Taube, Leiterin der Regionalagentur Ostwestfalen-Lippe (OWL), zieht Bilanz und erläutert, welche Unterstützung die Regionalagentur Arbeitgebern und Arbeitgeberinnen in der Pflegebranche anbietet.

In kaum einer Branche ist der Fachkräftemangel so ausgeprägt wie in der Pflege. Das gilt bundesweit wie auch in Ostwestfalen-Lippe (OWL). Während der Anteil an älteren Pflegebedürftigen stetig steigt, geht die Zahl der Beschäftigten in der Pflege laut „Wegweiser Kommune“ der Bertelsmann Stiftung zurück. So entstehen Versorgungslücken zu Lasten pflegebedürftiger Menschen.

Vor diesem Hintergrund hat die Regionalagentur Ostwestfalen-Lippe am 14. Mai 2019 in der Akademie für Gesundheitsberufe in Minden die Veranstaltung „Pflege in Ostwestfalen: Gute Arbeit – Gutes Image!“ durchgeführt. Rund 50 Pflegeeinrichtungen sowie Vertreterinnen und Vertreter von Wirtschaftsförderung und Arbeitsagentur überlegten hier gemeinsam, mit welchen Personalentwicklungsstrategien stationäre Pflegeeinrichtungen und ambulante Pflegedienste Fachkräfte gewinnen und binden können. Das Fazit: Pflegebetriebe müssen sich selbstbewusst als attraktive Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber mit guten Arbeitsbedingungen präsentieren. Ein Gespräch dazu mit Melanie Taube, Leiterin der Regionalagentur Ostwestfalen-Lippe (OWL).

ARBEIT.NRW:

Frau Taube, der Fachkräftemangel in der Pflege ist eklatant. Wie ernst ist die Lage in OWL? 

Melanie Taube:

Die Zahl pflegebedürftiger Menschen steigt, doch das rechnerische Verhältnis von Pflegepotenzial zu Pflegebedürftigen wird immer ungünstiger, denn viel zu wenige Menschen wollen in der Pflege arbeiten. Sie fürchten hohe Arbeitsbelastungen und Arbeitszeiten, die ihnen nicht erlauben, Arbeit und Privates miteinander zu vereinbaren.

Verschärft wird die Situation in Ostwestfalen Lippe durch die Tatsache, dass hier der Anteil der Teilzeitbeschäftigten in der Pflege mit ca. 75 Prozent deutlich höher ist als in anderen Regionen Nordrhein-Westfalens wie etwa dem Ruhrgebiet. Dabei ist die Versorgungslücke in der Altenpflege in OWL noch mal deutlich größer als in der Krankenpflege. Insbesondere kleinere ambulante Dienste können offene Stellen nicht immer besetzen und müssen Klientenanfragen aufgrund der Personalsituation vermehrt ablehnen.

Der Lenkungskreis OWL, in dem die Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsakteure der Region vertreten sind, hat im letzten Jahr einen Arbeitskreis Fachkräftesicherung gebildet, der sich im Dezember 2018 intensiv auch mit dem Fachkräftemangel in der Pflege befasst hat.

Die Gesundheits- und Sozialwirtschaft sind die Top-Arbeitgeber der Region. Deshalb hält es der Arbeitskreis für besonders wichtig, die Haltung und Wertschätzung gegenüber der Pflegebranche und ihren Beschäftigten durch eine positive gemeinschaftliche Kommunikation zu verbessern. Es muss vermittelt werden, dass es in der Pflege sichere Arbeitsplätze mit Sinnstiftung und mit durchaus guter Bezahlung gibt.

Dazu wollten wir als Regionalagentur, deren Auftrag die Umsetzung der arbeitsmarktpolitischen Programme der Landesregierung in OWL und zugleich der Transfer guter Praxis ist, mit der Veranstaltung einen Beitrag zu leisten.
 

ARBEIT.NRW:

Welche Personal- und Organisationsentwicklungsmaßnahmen sind denkbar und welche Ansätze zur Imageverbesserung gibt es?

Melanie Taube:

Entscheidend ist, wie die Kommunikationskultur innerhalb der Pflegebetriebe gelebt wird. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber müssen gezielt auf die individuellen Bedürfnisse der Beschäftigten hinsichtlich ihrer Arbeitszeitwünsche und hier insbesondere bei der Schichtverteilung eingehen, um ihnen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Darüber hinaus gilt es, sie bei der eigenen Gesundheitsförderung und bei der Weiterbildung zu unterstützen. Dazu muss den Beschäftigten die Tür zur Pflegeleitung immer offen stehen. Im Grunde sind das Standards der Personalentwicklung, aber in der Pflege sind sie besonders wichtig, um zu verdeutlichen: Wir bieten euch einen guten Job, der euren Interessen entgegenkommt und bei dem die Arbeit auch Spaß macht.

Gute Personal- und Organisationsentwicklungsmaßnahmen sollten dabei unbedingt nach außen getragen werden. Was die Gewinnung von Fachkräften angeht, wurde bei unserer Veranstaltung zum Beispiel das vom BMBF geförderte Projekt „Pflege Prävention 4.0“ vorgestellt, in dem Handlungsempfehlungen zur Gestaltung eines Employer Brandings entwickelt wurden. Diese bieten Pflegebetrieben eine gute Hilfestellung, um in der Öffentlichkeit als attraktives Unternehmen wahrgenommen zu werden. 

Zusätzlich haben wir einen Vertreter der vom Land Nordrhein-Westfalen geförderten Fachkräfteprojekte „Gute Arbeit- Gute Pflege“ und „Starke Pflege in Münster“ eingeladen, um uns Impulse aus anderen NRW-Regionen nach OWL zu holen. Ein guter Ansatz daraus ist z.B. die Schulung von Mitarbeitenden in der Pflege zu sogenannten „Markenbotschaftern“. Diese berichten in der Öffentlichkeit oder in Schulen ganz authentisch von ihren eigenen positiven Erfahrungen und erklären, warum genau sie sich für ihren Beruf entschieden haben und warum er ihnen gefällt.
 

ARBEIT.NRW:

Wie lassen sich speziell junge Menschen nach Abschluss der allgemeinbildenden Schule für einen Beruf in der Pflege gewinnen?

Melanie Taube:

Das geht zum Beispiel, indem man auf die vergleichsweise gute Ausbildungsvergütung hinweist. Doch Geld ist nicht alles. Entwickelt werden müssen auch neue Ansprache-Konzepte für Jugendliche und speziell für Jungen, da sich bislang hauptsächlich Mädchen für den Pflegeberuf entscheiden. Authentische Kampagnen können dazu beitragen, die Anerkennung des Berufsbildes zu verbessern und die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen. Möglichkeiten für Imagegewinn bietet die Pflegeberufereform. Examinierte Fachkräfte können mit dem neuen Berufsabschluss „Pflegefachfrau“ oder „Pflegefachmann“ in jedem Versorgungssetting tätig werden, was ihnen viel größere berufliche Handlungsspielräume eröffnet und den Beruf attraktiver macht. Und auch die Digitalisierung im Pflegebereich bietet Chancen, da sie zur Entlastung der Beschäftigten beitragen kann, sowohl im Kontext ihrer körperlichen Tätigkeit wie auch bei der Dokumentation von Pflegeleistungen.
 

ARBEIT.NRW:

Sie haben bei der Veranstaltung einen Überblick geboten zu den Förderangeboten des Landes. Inwiefern sind sie nützlich für Ihr Anliegen, Fachkräfte für die Pflege zu gewinnen?

Melanie Taube:

Die Potentialberatung ist eine unbürokratische Möglichkeit Personal- und Organisationsentwicklung voranzutreiben und auch z.B. die Entwicklung eines Employer Brandings zu unterstützen. Wenn sich daraus Schulungsbedarfe für Mitarbeitende ergeben, könnte man das Ganze mit einer Förderung von (Inhouse-) Seminaren über das Programm Bildungsscheck kombinieren.

Wichtig war uns als Regionalagentur zudem, auf das Fachkräfteprogramm NRW hinzuweisen, das viele Möglichkeiten bietet. So können sich Verbünde von Pflegeeinrichtungen oder lokale Pflegenetzwerke bilden, die mit guten Ideen ein Fachkräfteprojekt entwickeln. Wir als Regionalagentur könnten das unterstützen und zum Beispiel einen Projektentwicklungs-Workshop organisieren, damit sich in der Region tatsächlich etwas bewegt.
 

ARBEIT.NRW:

Mit der Veranstaltung hat die Regionalagentur erste Impulse gegeben. Wie geht es weiter?

Melanie Taube:

Für die Imageverbesserung und Gewinnung weiterer Nachwuchs- und Fachkräfte ist eine gute Vernetzung in der Region wichtig. Wir wollen noch intensiver als bisher mit den Initiatoren und Beteiligten regionaler Netzwerke wie dem Netzwerk „Gute Pflege OWL“ zusammenarbeiten, gemeinsam weitere Veranstaltungsformate entwickeln und bestehende Förderprogramme vorstellen. Im Arbeitskreis Fachkräftesicherung werden wir diskutieren, welche Maßnahmen wir konkret in 2020 umsetzen werden. Daneben beraten wir Einzelbetriebe und Betriebsverbünde verstärkt dazu, wie sie mit Unterstützung der Förderprogramme des Landes imageverbessernde Maßnahmen entwickeln und umsetzen können.

Gefordert sind aber auch die Unternehmen in der Pflege selbst. Es gibt viele attraktive Pflegeunternehmen mit zufriedenen Beschäftigten in OWL! Wichtig ist aber, authentische Beispiele bekannt zu machen und für Transfer guter Ansätze zu sorgen. Pflegebetriebe müssen sich selbstbewusst als attraktive Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber mit guten Arbeitsbedingungen präsentieren. Sie müssen sich außerdem öffnen in Richtung neuer Geschäftsfelder und sich mit anderen sozialen Akteuren und Angeboten in den Quartieren vernetzen.