Interview mit Martina Möhring und Melanie Taube

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Gespeichert von Arbeit.Meding am 14. Juli 2017
Foto: Martina Möhring und Melanie Taube, Regionalagentur OWL, OstwestfalenLippe GmbH
Interview

Im Zentrum: Der Mensch. Arbeitsgestaltung in Zeiten der Digitalisierung

Veranstaltungsreihe der Regionalagentur OWL zur Digitalsierung - Impulse für die Region

Die Regionalagentur OstwestfalenLippe hat im ersten Halbjahr 2017 die Veranstaltungsreihe "Smart im Mittelstand – Wie kleine Unternehmen ihre digitale Transformation vorantreiben können" durchgeführt. Im zweiten Halbjahr wird die Reihe fortgeführt und um weitere Veranstaltungen ergänzt. Ein Interview mit den Leiterinnen der Regionalagentur, Martina Möhring und Melanie Taube, über das Konzept der Veranstaltungsreihe.

ARBEIT.NRW:

Frau Möhring, Frau Taube, die Regionalagentur OWL hat die Veranstaltungsreihe „Smart im Mittelstand – Wie kleine Unternehmen ihre digitale Transformation vorantreiben können“ konzipiert und organisiert. Welche Überlegungen haben Sie dazu veranlasst?

Martina Möhring, Melanie Taube:

In unserer Region haben wir mit dem als Spitzencluster ausgezeichneten Technologie-Netzwerk „Intelligente Technische Systeme OstWestfalenLippe“ - kurz it's OWL - optimale Rahmenbedingungen für die technologische Entwicklung. Erreicht wurden von it´s OWL bisher vorrangig große Unternehmen. Für uns als Regionalagentur stellt sich aber vor allem die Frage, welchen Einfluss technologische Veränderungen auf die Arbeitsprozesse und Arbeitsbedingungen haben. Stärker als bei it`s owl haben wir die Personal- und Organisationsentwicklung insbesondere in kleinen und mittleren Unternehmen im Fokus. Wir wollten als Regionalagentur beides - Technologie und Arbeitsgestaltung - miteinander verknüpfen und die Beschäftigten auf diesem Weg mitnehmen. Das ist wichtig, weil wir eine sehr wirtschaftsstarke, mittelständisch geprägte Region mit über 70 Prozent kleinen und mittleren Unternehmensanteil sind. Wir wollen auch dazu beitragen, dass die Erkenntnisse und Ergebnisse der von it`s owl in großen Unternehmen gestarteten Forschungsprojekte in die KMU transferiert werden. Sie dürfen bei der Gestaltung des digitalen Wandels von Wirtschaft und Arbeitswelt nicht abgehängt werden.

ARBEIT.NRW:

Welchen Beitrag leisten dazu die von Ihnen angebotenen Veranstaltungen?

Martina Möhring, Melanie Taube:

Unser Ziel ist es, kleine und mittlere Unternehmen zu sensibilisieren. In den Veranstaltungen „KMU 4.0 – Kleinere Unternehmen stellen sich den Herausforderungen der Digitalisierung“ sowie „Beratungsprogramme für den Mittelstand“ geben wir gemeinsam mit unseren Partnern aus den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft und Arbeit KMU einen Überblick über das Thema Digitalisierung. Wir informieren über bestehende, ganz praktische Hilfsangebote für Betriebe, wie etwa den Quick-Check zum Thema „Produktion und Technik“, bei dem die technische Seite im Vordergrund steht. Das ergänzen wir um Hinweise auf arbeitspolitische Instrumente und Angebote die mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds unterstützen, wie Potentialberatung, das BMAS-Programm unternehmensWert:Mensch oder das Fachkräfteprogramm NRW. So bieten wir den Unternehmen und ihren Beschäftigten ein „Rundumpaket“, das alle Aspekte einer digitalisierten Arbeitswelt umfasst. Da wir eine Flächenregion sind, führen wir diese Veranstaltungen sowohl im Kreis Lippe, im Kreis Minden-Lübbecke sowie in der kreisfreien Stadt Bielefeld durch.

ARBEIT.NRW:

Teil Ihrer Veranstaltungsreihe ist der „Beratertag“. Warum sind Ihnen speziell die Beraterinnen und Berater so wichtig?

Martina Möhring, Melanie Taube:

Beratungsunternehmen übernehmen eine Schlüsselfunktion bei der Sensibilisierung von KMU im Themenfeld Digitalisierung sowie beim Transfer von Ideen und Informationen in Sachen Personal- und Organisationsentwicklung. Wir wollen den Beraterinnen und Beratern einen Einblick geben, auf welchem Stand unsere Region beim Thema Digitalisierung ist. Zugleich wollen wir sie mit den eingangs genannten Angeboten und Instrumenten vertraut machen, damit sie kleinere und mittlere Unternehmen beraten können. Es geht dabei um die Identifizierung digitaler Baustellen im Unternehmen und die Frage, wie sie sich organisatorisch aufstellen müssen, um die damit verbundenen Herausforderungen zu bewältigen. Dabei haben wir festgestellt, dass Technologieberater sowie Personalentwicklungs- und Organisationsberater doch ziemlich unterschiedliche Sichtweisen haben. Wir überlegen, ob wir Formate schaffen können, die eine Annäherung zwischen den beiden Welten erlauben.

ARBEIT.NRW:

Eine Ihrer Veranstaltungen heißt „ExpertenDialog: Gesund bleiben bei der Arbeit“. Was ist Ihnen an dem Thema so wichtig?

Martina Möhring, Melanie Taube:

Die Digitalisierung hat Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten. Einerseits bietet die mit ihr verbundene Flexibilisierung die Chance, dass Beschäftigte ihr Arbeits- und Privatleben besser vereinbaren können. Flexibilisierung kann aber auch zu einer Entgrenzung führen, so dass Arbeit und Privatleben nicht mehr zu trennen sind, dass Ruhezeiten verschwinden und es zu Überforderungen kommt. Hinzu kommen die steigenden kognitiven Anforderungen an die Beschäftigten im Zuge der Digitalisierung. Das müssen Führungskräfte im Blick behalten. In der Veranstaltung haben wir diskutiert, wie sich Führungskräfte vorbeugend für das Thema sensibilisieren lassen und welche konkreten betrieblichen Vereinbarungen und Regeln beim Thema Arbeitszeit erforderlich sind, um die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten langfristig zu erhalten.

Schon heute gibt es Assistenzsysteme, mit deren Hilfe Beschäftigte erkennen können, wann sie am Rande der Überforderung stehen. So können sie Selbstverantwortung übernehmen und bei überzogenen Belastungen rechtzeitig gegensteuern. Vielleicht können wir in einem späteren Workshop erörtern, ob sich solche Ansätze etwa über das Fachkräfteprogramm NRW im Rahmen eines Projekts zum Thema „betriebliches Gesundheitsmanagement mit dem Fokus Digitalisierung“ in unserer Region weiterentwickeln lassen.

ARBEIT.NRW:

Auch in den weiteren Veranstaltungen konzentrieren Sie sich auf spezielle Aspekte der Digitalisierung. Um welche genau geht es dabei?

Martina Möhring, Melanie Taube:

Auf dem Programm steht zum Beispiel der Besuch der Lehrfabrik BANG. In dieser über das Fachkräfteprogramm NRW geförderten Lehrwerkstatt können sich Ausbildende und Auszubildende vor Ort über technologische Produkte und betriebliche Digitalisierungsprozesse informieren. Beim Besuch dient die Lehrfabrik aber auch als Vorzeigebeispiel für Träger, die ebenfalls ein Projekt initiieren wollen. Deshalb informieren wir hier auch in Kooperation mit der Bezirksregierung über das Fachkräfteprogramm.

Die Veranstaltung „Leadership 4.0 – Unternehmensführung in einer digitalisierten Arbeitswelt“ richtet sich an Führungskräfte. Sie können hier lernen, wie sich Technologieprozesse am besten gemeinsam mit den Beschäftigten im Unternehmen implementieren lassen. Die eigentliche Herausforderung ist nicht die Anschaffung oder Einführung einer Maschine oder einer neuen Technologie, sondern die damit einhergehende Personal- und Organisationsentwicklung. Qualifizierung, Gesundheit, Arbeitszeiten – all das spielt in dem Kontext eine wichtige Rolle.

Weil unsere Region im Handlungsfeld Digitalisierung schon lange gut aufgestellt ist, stellen wir das von uns organisierte „Ideenlabor NRW 4.0“ unter ein Spezialthema: Wissenstransfer im Unternehmen. Hier geht es um das „Voneinander lernen in digitalen Arbeitswelten“: Führung lernt von Belegschaft und umgekehrt oder ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lernen von jüngeren, von Auszubildenden. Uns liegt daran, die Chance des Wissenstransfers auch im Kontext der Digitalisierung zu nutzen. Das Konstrukt Ideenlabor bietet sich dafür hervorragend an, weil hier unterschiedliche Gruppen wie Führungskräfte, Beschäftigte und Auszubildende miteinander diskutieren und Gestaltungsansätze entwickeln.

ARBEIT.NRW:

Welche Funktion haben die von Ihnen geplanten Workshops zur Projektentwicklung?

Martina Möhring, Melanie Taube:

In den drei Workshops - Verbesserung der Ausbildung, Gesundheit und Arbeit 4.0, Digitalisierung in der Arbeitswelt - wollen wir die Ergebnisse aus den Veranstaltungen vertiefen und gemeinsam mit Expertinnen und Experten Kurzkonzepte für Projekte erarbeiten, die ggf. mit Mitteln aus dem Fachkräfteprogramm NRW gefördert werden können.

Das Resultat der Workshops muss nicht unbedingt ein Projekt sein. Die Workshops haben auch einen Mehrwert im Hinblick auf weiterführende Veranstaltungen und Angebote. Als Geschäftsstelle des Fachkräftebündnisses OWL haben wir gemeinsam mit allen Akteuren der Region das Handlungskonzept Fachkräftesicherung um das Schwerpunktthema Digitalisierung erweitert. Alle Veranstaltungen sowie die Workshops können bei der weiteren Fortschreibung hilfreich sein.

ARBEIT.NRW:

Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?

Martina Möhring, Melanie Taube:

Ein Aspekt wurde gerade angesprochen. Darüber hinaus ist klar: Unsere Veranstaltungen und die Workshops waren bzw. sind zwar ein kleiner Marathon, aber wir haben viele Erkenntnisse gewonnen. Wir haben die Auseinandersetzung mit dem Thema Digitalisierung in unserer Region forciert. Im nächsten Schritt wollen wir mit vertiefenden Angeboten in Form von Workshops, Schulungen und Projekten das Thema Digitalisierung inhaltlich vorantreiben und in die Fläche bringen. Das Know-how und die Erfahrungen unserer Kooperationspartner unterstützen uns dabei. Gemeinsam mit ihnen werden wir an den Ergebnissen aus der Veranstaltungsreihe weiterarbeiten und überlegen, wo es noch an inhaltlichen oder organisatorischen Vernetzungen mangelt. Als Geschäftsstelle des Fachkräftebündnis OWL vernetzen wir  uns darüber hinaus bundesweit mit anderen Fachkräftenetzwerken. So lernen wir von anderen Regionen - und sie von uns.