Interview mit Ursula Rode-Schäffer und Andrea Bergmann

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Foto: Andrea Bergmann (links), zuständig für die Kommunale Koordinierung im Rahmen des Landesvorhabens „Kein Abschluss ohne Anschluss“ für den Kreis Soest, und Ursula Rode-Schäffer, Leiterin der Regionalagentur Hellweg-Hochsauerland
Interview

"Die Zusammenarbeit funktioniert und ist unverzichtbar"

Kein Abschluss ohne Anschluss (KAoA): Interview mit Ursula Rode-Schäffer, Leiterin der Regionalagentur Hellweg-Hochsauerland, und Andrea Bergmann, Leiterin der Kommunalen Koordinierungsstelle im Kreis Soest

Für den Übergang Schule-Beruf gibt es in Nordrhein-Westfalen ein landesweit verbindliches Übergangssystem. Es orientiert sich an dem Motto: "Kein Abschluss ohne Anschluss". Allen Schülerinnen und Schülern wird ein zielgerichteter Start in Ausbildung oder Studium ermöglicht. Die Kommunale Koordinierungsstelle im Kreis Soest und die Regionalagentur Hellweg/Hochsauerland arbeiten dabei eng zusammen.

ARBEIT.NRW:

Frau Bergmann, Frau Rode-Schäffer, zum Thema "Übergang Schule – Beruf" haben Sie - Regionalagentur und Kommunale Koordinierung - gemeinsam eine Fachtagung initiiert und mitorganisiert. Das Interesse daran war offensichtlich groß.

Rode-Schäffer:

Ja, 230 Interessierte sind gekommen: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Agenturen für Arbeit, der Jobcenter, der Jugendämter und der Kammern, Lehrerinnen und Lehrer, aber auch einige Unternehmen. Etwas Ähnliches hat es im Kreis noch nicht gegeben.

ARBEIT.NRW:

Welche Erkenntnisse hat die Veranstaltung für Ihre Arbeit gebracht?

Rode-Schäffer:

In unserer Region gibt es mehr Ausbildungsplätze als Bewerberinnen und Bewerber. Die Unternehmen müssen sich also etwas einfallen lassen, wenn sie ihre freien Plätze besetzen wollen. Mit der Veranstaltung und der Darstellung der von SINUS festgestellten sieben Lebenswelten ist deutlich geworden, wie unterschiedlich die Jugendlichen sind.

Klar wurde, dass die Jugendlichen - auch in der Berufsberatung - zielgruppenspezifisch angesprochen werden müssen und dass auch mal andere Formate für die Ansprache genutzt werden müssen als Flyer, weil sich die meisten Jugendlichen heute über ihr Smartphone informieren. Die gezielte Ansprache könnte dazu beitragen, die richtigen Personen für die freien Ausbildungsplätze zu finden und Ausbildungsabbrüche zu verhindern.

Bergmann: Uns ist zudem deutlich geworden, dass wir insbesondere bei den Jugendlichen aus der so genannten prekären Lebenswelt besonders genau hinschauen müssen. Laut Studie nehmen sie Angebote zur  beruflichen Orientierung seltener an und meinen, Leistung lohne sich nicht. Manche Schülerinnen und Schüler sind einfach nicht so leistungsorientiert oder haben Angst zu versagen. Hier müssen wir überlegen: Wie kommen wir früher an die Jugendlichen heran, wie können wir sie rechtzeitig identifizieren, ihre Stärken erkennen und sie fördern? Die Fachtagung hat ja gezeigt, dass wir alle Jugendlichen ansprechen und motivieren können. Wir müssen nur die geeigneten Mittel dafür finden.

ARBEIT.NRW:

Seit diesem Jahr gibt es im Kreis Soest mit "Kein Anschluss ohne Abschluss" eine systemische Studien- und Berufsorientierung für alle Jugendlichen ab Klasse 8. Hat die Kommunale Koordinierungsstelle schon konkrete Ideen, wie sich die Erkenntnisse der Veranstaltung umsetzen lassen?

Bergmann:

Wir sind schon im Vorfeld der Tagung den ersten Schritt gegangen und haben eine Handlungsempfehlung zum Thema "Schulabsentismus" herausgegeben. Sie soll Lehrerinnen und Lehrer dazu motivierten und befähigen, genauer hinzuschauen, um feststellen zu können, wenn eine Schülerin oder ein Schüler nicht mehr mitkommt-, damit deren Förderung rechtzeitig einsetzen kann.

Darüber hinaus wollen wir Lehrerinnen und Lehrer dazu anregen, öfter in die Betriebe zu gehen und sich über die Vielzahl möglicher Ausbildungsberufe zu informieren und ihre so gewonnenen Kenntnisse an die Schülerinnen und Schüler weiterzugeben, denn wenn diese Aufklärung erst im Rahmen der Berufsberatung geschieht, ist es meist schon zu spät.

Aber auch die Firmen müssen sich ändern. Sie dürfen nicht immer nur fragen: Was können die Jugendlichen, sondern sie müssen sich auch fragen: Was bieten wir? Wir planen jetzt gemeinsam mit der Regionalagentur einen Folgeworkshop und wollen zukünftig auch die Personalverantwortlichen kleiner und mittlerer Unternehmen stärker mit einbeziehen.

ARBEIT.NRW:

Welche Rolle spielt der Übergang von der Schule in den Beruf für die Arbeit der Regionalagentur?

Rode-Schäffer:

Unser  wichtigstes Aufgabengebiet in diesem Handlungsfeld ist Jugend in Arbeit plus. Wir koordinieren das Landesprogramm in der Region – mit gutem Erfolg: Von den seit Oktober 2015 bislang 286 in das Programm aufgenommenen Jugendlichen wurden bereits 78 in Arbeit vermittelt. Ein weiterer wichtiger Bereich sind die Produktionsschulen, die berufliches Lernen und produktives Arbeiten für die Jugendlichen miteinander verbinden. Hier geben wir bei Anträgen für deren Bewilligung fachliche Stellungsnahmen ab.  

Um das Thema Übergang Schule-Beruf geht es aber auch in vielen Projekten, an denen wir beteiligt sind: Da ist zum Beispiel das ESF-kofinanzierte Projekt "Te-Prax" im Pflegebereich oder die Internetseite www.karriere-hier.de mit ihren Hinweisen auf praxisorientierte Karrierewege in der Region und ihrem Überblick über das vielfältige Informationsangebot beim Übergang Schule-Beruf, das zugleich der Steigerung der Attraktivität der dualen Berufsausbildung dient.

ARBEIT.NRW:

Welche Bedeutung hat die Regionalagentur aus Sicht der Kommunalen Koordinierung im Handlungsfeld Übergang Schule-Beruf?

Bergmann:

Die Regionalagentur hat im Lenkungskreis der Bildungsregion, der im Bildungsbereich Absprachen und Entscheidungen von strategischer Bedeutung für die Region vorbereitet, Stimmrecht. Wenn es um die Abstimmung von Maßnahmen für die Jugendlichen im Übergang von der Schule in den Beruf geht, brauchen wir die Regionalagentur genauso wie die Wirtschaft oder die Kreishandwerkerschaft.

Eine unserer ersten gemeinsamen Absprachen betrafen die Produktionsschulen. Wir sind gemeinsam zu den Trägern gefahren, haben uns die dortigen Maßnahmen genau angesehen und geprüft, ob in der Praxis auch tatsächlich das gemacht wird, was im Konzept zu lesen ist. Zusammen mit der Agentur für Arbeit und der Jugendhilfe haben wir anschließend entschieden, welche der angebotenen Maßnahmen wir hier im Kreis Soest wirklich brauchen. Auch im Programm Jugend in Arbeit plus gibt es einen intensiven Austausch. Um für Transparenz im "Maßnahmedschungel" zu sorgen, haben wir gemeinsam eine Übersicht aller Maßnahmen im Kreis Soest im Übergang zusammengestellt. Die Unterstützung der Regionalagentur war da sehr hilfreich, denn Angebote wie etwa die Teilzeitberufsausbildung waren uns nicht unbedingt präsent.

Regionalagentur und Kommunale Koordinierungsstelle sind zudem beide im Ausbildungskonsens vertreten und an der Erarbeitung der regionalen Handlungspläne beteiligt. Da sprechen wir uns vorher ab und entwickeln gemeinsame Vorstellungen. Auch beim Netzwerk "Jugendberufskooperation" ist die Regionalagentur bei bestimmten Fragestellungen mit dabei. Umgekehrt fließen unsere Erfahrungen etwa aus dem EU-Projekt "social skills – pass to work" des Kreises Soest in das von der Regionalagentur organisierte Ideenlabor zum Thema Digitalisierung ein. Die Beispiele zeigen: Die Zusammenarbeit zwischen Regionalagentur und Kommunaler Koordinierung funktioniert gut. Sie ist einfach unverzichtbar.