Initiative Wirtschaft & Arbeit 4.0: Zusammenarbeit im Betrieb stärken

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Plakat mit Titel der Veranstaltung "Zusammenarbeit im Betrieb" an Glastür

Qualifizieren für den digitalen Wandel – Sozialpartnerschaft ermöglicht gute Lösungen. Veranstaltung zeigt Beispiele zum Transfer

Gemeinsame Veranstaltung der Initiative Wirtschaft & Arbeit 4.0, Landesregierung und Sozialpartner im Dialog mit der Praxis

Die Digitalisierung braucht sozialpartnerschaftliche Lösungen und gute Praxisbeispiele – das zeigte die Veranstaltung der Initiative Wirtschaft & Arbeit 4.0 in Neuss. Unter dem Titel "Zusammenarbeit im Betrieb stärken" erläuterten drei Unternehmen, wie sie ihre Belegschaften beteiligen und wie nachhaltige Qualifizierungsprojekte für den digitalen Wandel gelingen. Minister Laumann, Minister Pinkwart, DGB-Vorsitzende Weber und Unternehmerpräsident Kirchhoff nutzten die Gelegenheit zum Dialog mit der Praxis.

Zusammenarbeit im Betrieb stärken – Veranstaltung der Initiative Wirtschaft & Arbeit 4.0 im Zeughaus Neuss

Wie lässt sich der digitale Wandel in den Unternehmen des Landes sozialpartnerschaftlich gestalten, welche Modelle und Praxisansätze gibt es bereits? Mit Blick auf diese Fragen standen Transfer und Dialog im Mittelpunkt der Veranstaltung "Zusammenarbeit im Betrieb stärken", die auf Einladung der Initiative Wirtschaft & Arbeit 4.0 Ende September 2019 stattfand. Veranstaltungsort war das Zeughaus Neuss, das den gelungenen Wandel vom ehemaligen Kloster- und Kirchengebäude hin zu einem hochmodernen, multifunktionalen Veranstaltungsort eindrucksvoll belegte.

Auf der Veranstaltung warfen Arbeitsminister Karl-Josef Laumann und Wirtschafts- und Digitalminister Prof. Dr. Andreas Pinkwart gemeinsam mit unternehmer.nrw und DGB einen Blick hinter die Kulissen nordrhein-westfälischer Betriebe, die den Weg zum Unternehmen 4.0 zusammen mit den Beschäftigten gehen. Auf der abschließenden Podiumsdiskussion kamen die Landesminister mit der DGB NRW-Bezirksvorsitzenden Anja Weber und dem Präsidenten von unternehmer nrw, Arndt Günter Kirchhoff, ins Gespräch

Qualifizierung 4.0 gestalten - Unternehmen zeigen sozialpartnerschaftliche Lösungen

Vor knapp 100 Gästen erläuterten zunächst drei Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen, wie nachhaltige Qualifizierungsprojekte für den digitalen Wandel gelingen und erfolgreich sozialpartnerschaftlich gestaltet wurden.

Den Anfang machte die Kölner Verkehrsbetriebe AG (KVB), die sich am ESF-geförderten Modellprojekt „ÖPNV 4.0“ beteiligt und als Dienstleister im Personen-Nahverkehr gemeinsam mit der Gewerkschaft ver.di NRW praxisnahe Lösungen für eine Weiterbildung 4.0 entwickelt. So wurden im Rahmen von „digitalen Lernprojekten“ neue Formate in der betrieblichen Weiterbildung erprobt. Dazu gehörten beispielsweise die Entwicklung von Lehrvideos in der Automatenwerkstatt, der Einsatz von AR-/VR-Brillen in der Fahrzeugtechnik oder eine betriebliche Lernplattform für alle Beschäftigten, die orts- und zeitunabhängiges Lernen ermöglicht. Im Tandem erläuterten Personalleiterin Sophie von Saldern und der ehemalige Betriebsratsvorsitzende Harald Kraus (nun Arbeitsdirektor bei DSW21), Erfahrungen und Gelingensfaktoren, benannten aber auch, „wo wir noch nicht das perfekte Modell haben“. So beschleunige die Digitalisierung die Verschmelzung von Arbeiten, Lernen und Freizeit und ermögliche zugleich die „vollständige Individualisierung von Lernen“. Daraus ergeben sich „komplexe Fragestellungen“ etwa nach Leistungskontrolle und Arbeitnehmerschutz. Nicht zuletzt deshalb, so waren sich die beiden KVB-Vertreter einig, sei es sinnvoll, bei der Digitalisierung die „sozialpartnerschaftliche Mitbestimmung von der Minute Null an“ einzubeziehen.

Die Gustav Hensel GmbH & Co. KG, ein mittelständisches Familienunternehmen aus dem Sauerland und marktführend in der elektrotechnischen Gebäudeausrüstung, ist Partnerunternehmen im Modellprojekt „Arbeit 2020 in NRW“, das aus Mitteln des Landes und des Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert und zusammen mit der IG Metall NRW, der IG BCE NRW und dem DGB NRW durchgeführt wird.
Personalleiter Holger Grafe und der Betriebsratsvorsitzende Oliver Mester berichteten, wie das Unternehmen für die Einführung eines neuen Produkts in eine moderne Produktionsstraße investierte und damit die Produktion von überwiegend manueller auf automatisierte Fertigung umstellte. Für den großen Anteil von an- und ungelernten Beschäftigten bestand dadurch ein erheblicher Qualifizierungsbedarf. Das Modellprojekt unterstützte Betriebsrat und Unternehmensleitung, sozialpartnerschaftliche Lösungen zu entwickeln und umzusetzen.

„In unserem Unternehmen lösen wir die Probleme gemeinsam am Tisch, auch bei der Digitalisierung“, betonten die beiden Unternehmensvertreter. In Veränderungsprozessen sei es wichtig, Transparenz zu schaffen und „die Kollegen und Kolleginnen frühzeitig mitzunehmen, nicht zuletzt um Unsicherheiten und Ängsten zu begegnen“.

Die ERGO Group AG, einer der großen Erstversicherer in Deutschland, stellte auf Einladung von unternehmer.nrw aktuelle Maßnahmen zur Begleitung der digitalen Transformation vor. Der Versicherungskonzern mit Sitz in Düsseldorf setzt auf Eigenverantwortung der Mitarbeitenden und unterstützt selbstgesteuertes Lernen. Im Mittelpunkt steht dabei das neue Programm "transformation@ergo - fit für die neue Arbeitswelt", das Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter gemeinsam konzipiert haben und stetig weiterentwickeln. Das Angebot soll den Einstieg in die neue Arbeitswelt erleichtern und Ängste vor neuen Methoden abbauen. Die Beschäftigten haben die Möglichkeit, sich im individuellen Tempo mit den für sie relevanten Themen weiterzubilden. Vielfältige kleine Lerneinheiten, sogenannte Lernnuggets, geben hilfreiche Orientierung und ein freiwilliger DigiCheck bietet die Möglichkeit zur individuellen Standortbestimmung und zielgerichteten Weiterbildung.

„Unser Ziel ist es, die Beschäftigungsfähigkeit der Belegschaft zu erhalten und die Mitarbeiter im Veränderungsprozess der Digitalisierung zu begleiten und zu qualifizieren“, berichtete Dagmar Brück, Leiterin der Aus- und Weiterbildung der ERGO Group. Dabei werden alle Mitarbeitergruppen mit ihren unterschiedlichen Aufgabenstellungen und Anforderungen in den Blick genommen. Der Einschätzung, dass Digitalisierung ein Generationenthema sei, stellte sie eine gänzlich andere Erfahrung entgegen. So gebe es im Unternehmen viele ältere Mitarbeiter, die sich „fantastisch in die neuen Themen“ einarbeiten können, während gerade bei jüngeren Beschäftigten teilweise ein „übergreifendes technologisches Verständnis“ fehle.

Digitales Wissen, so war sich Dagmar Brück mit ihren Vorrednern einig, müsse frühzeitig und bereits vor Eintritt in das Berufsleben vermittelt werden.

Podiumsdiskussion – Landesregierung im Gespräch mit Unternehmen und Gewerkschaft

In der Initiative Wirtschaft & Arbeit 4.0 hat sich die Landesregierung mit Spitzenvertretern aus Wirtschaft, Gewerkschaften, Bundesagentur für Arbeit und Wissenschaft zusammengeschlossen, um die mit der Digitalisierung verbundenen Chancen für die Menschen und die Wirtschaft konsequent zu nutzen. Die anschließende Podiumsdiskussion war daher hochrangig besetzt und bekräftigte trotz der unterschiedlichen Perspektiven das sozialpartnerschaftliche Vorgehen Nordrhein-Westfalens.

Minister Karl-Josef Laumann: Sprechen Sie mit Ihren Beschäftigten und planen Sie die Digitalisierung gemeinsam.

Arbeitsminister Karl-Josef Laumann betonte noch einmal, wie wichtig Digitalisierungswissen und Mitsprachemöglichkeiten für eine gelingende Umsetzung von betrieblichen Digitalisierungsprozessen seien. Sein Appell an die Unternehmen: „Sprechen Sie mit Ihren Beschäftigten und planen Sie die Digitalisierung gemeinsam. So können Sie auch gemeinsam entscheiden, welche Kompetenzen erforderlich und sinnvoll sind.“ Zugleich verwies der Minister auf bewährte Förderangebote wie Bildungsscheck und Potentialberatung, die Unternehmen und Beschäftigte im digitalen Wandel unterstützen.

Die digitale Transformation der Arbeitswelt sei in vollem Gang, daran ließ Wirtschafts- und Digitalminister Prof. Dr. Andreas Pinkwart keinen Zweifel. „Bei der Gestaltung dieser Veränderungen setzen wir darauf, dass Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer den Prozess im Rahmen der Sozialpartnerschaft und der betrieblichen Mitbestimmung gemeinsam fortsetzen und zugleich die bewährten Strukturen ihrer Kooperation weiterentwickeln.“ Es müsse das Vertrauen von Menschen und Unternehmen in die digitale Weiterentwicklung der Arbeitswelt gestärkt werden. Dann könne es gelingen, die Digitalisierung zum Wohle aller zu gestalten.

Minister Prof. Dr. Andreas Pinkwart: Wir müssen das Vertrauen von Menschen und Unternehmen in die digitale Weiterentwicklung der Arbeitswelt stärken.

„Wir brauchen noch größere Anstrengungen im Weiterbildungsbereich“, stellte die DGB NRW-Bezirksvorsitzende Anja Weber in ihrem Statement fest. Unternehmen wie auch die Arbeitsverwaltung müssten hier mehr liefern. Gleichzeitig dürfe es nicht nur um Anpassungsqualifizierung gehen. „Weiterbildung muss viel mehr Entscheidungsfähigkeit, soziale Kompetenz und Selbständigkeit stärken. Sonst bleibt die Arbeitswelt 4.0 mehrheitlich für die Beschäftigten ein Hochrisikogebiet“, so ihre Warnung an die Akteure aus Politik und Wirtschaft.

Arndt Günter Kirchhoff, Präsident des Verbandes unternehmer nrw, forderte in seinem Beitrag dazu auf, vor allem auch die Chancen durch Digitalisierung zu sehen. Arbeit, so zeigte er sich überzeugt, werde nicht zuletzt „weniger schwer, weniger schmutzig, weniger langweilig“. Bei der Digitalisierung müsse der Mensch im Mittelpunkt stehen. „Daher ist es für unsere künftige Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit entscheidend, die Beschäftigten in den Unternehmen mitzunehmen. Eine bedarfsgerechte und passgenaue Qualifizierung ist dafür der zentrale Baustein. Die Digitalisierung bietet hier hervorragende Chancen mit vielfältigen neuen Lernformaten“.

Befragt nach einem abschließenden „Mutmacher-Satz“ blieb das Podium zuversichtlich und bekräftigte einmal mehr, den Dialog zur Gestaltung von digitalen Veränderungsprozessen fortzusetzen. Entscheidend – so die unwidersprochene Zusammenfassung von Minister Laumann – sei immer noch „das Miteinander und nicht das Gegeneinander“.

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