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Modellprojekt „Ausbildung mittendrin“

Gruppenbild

„Ausbildung mittendrin“ – ein inklusives Modell mit Signalwirkung

In Köln zeigt ein EU-gefördertes Modellprojekt, wie junge Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung den Weg in eine reguläre Berufsausbildung finden können – mit einem klaren Konzept, das bestehende Strukturen nutzt und neu kombiniert. 

Eltern ergreifen die Initiative

Hinter „Ausbildung mittendrin“ stehen der Elternverein “mittendrin e. V.” und der Inklusionsdienstleister ProjektRouter gGmbH. Gemeinsam haben sie seit 2022 Türen geöffnet, die zuvor für viele Menschen mit geistiger Behinderung verschlossen schienen. Der Ausgangspunkt war eine überraschende Erkenntnis für die betroffenen Eltern: In Deutschland ist laut Gesetzgeber für den Beginn einer Ausbildung kein Schulabschluss vorgeschrieben. Entscheidend ist die Bereitschaft eines Betriebes, einem Menschen diese Chance zu geben. Gleichzeitig besteht für Absolventinnen und Absolventen des Förderschwerpunkts Geistige Entwicklung ein gesetzlicher Anspruch auf sonderpädagogische Unterstützung an Berufsschulen. Auf dieser Basis entwickelten die Initiatoren ein Modell, das genau jene Lücke füllt, in die bisher so viele Jugendliche nach der Schule gefallen sind.

Von der Idee zur Umsetzung

Viele der heutigen Teilnehmenden hatten zuvor nur zwei Optionen: den Eintritt in eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung oder die Arbeitslosigkeit. Eltern wollten sich damit jedoch nicht abfinden. Sie suchten nach Wegen, ihre Kinder in ein Arbeitsumfeld zu bringen, in dem sie lernen, Verantwortung übernehmen und Teil eines Teams werden können. „Es ging uns darum, dass unsere Kinder nach dem letzten Schultag nicht wieder an den Rand gedrängt werden, sondern weiterhin mitten im Leben stehen“, beschreibt Eva-Maria Thoms, Mitgründerin und erste Vorsitzende von mittendrin e. V., die Motivation.

Nach intensiver Recherche und Gesprächen mit Wirtschaft und Politik entstand ein Konzept, das nicht nur auf dem Papier überzeugte. Es brauchte allerdings einen Partner, der die pädagogische Begleitung leisten konnte. Diesen fand der Verein in ProjektRouter gGmbH, die seit Jahren inklusionsorientierte Dienstleistungen anbietet. Auch das nordrhein-westfälische Arbeitsministerium war schnell von dem Vorhaben überzeugt. Denn: Der innovative Ansatz von „Ausbildung mittendrin“ eröffnet jungen Menschen mit einer geistigen Behinderung einen neuen Zugang zu betrieblicher Ausbildung und Teilhabe an Arbeit im allgemeinen Arbeitsmarkt, und bietet ihnen damit eine Alternative zum Eintritt in die Werkstatt für behinderte Menschen. Mit der Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen und des Europäischen Sozialfonds konnte „Ausbildung mittendrin“ schließlich im Mai 2022 starten, und das Engagement der Landesregierung für die Integration von Menschen mit Behinderung in Ausbildung und Beschäftigung um ein zusätzliches wertvolles Element erweitern. Zielgruppe sind junge Menschen aus Köln mit Abschluss im Bildungsgang Geistige Entwicklung und Schwerbehindertenausweis, die den Mut und die Motivation haben, eine Ausbildung zu beginnen.

Um diese zu erreichen, geht das Projektteam dorthin, wo sich die Zielgruppe aufhält: in Schulen, Werkstätten, zu Informationsveranstaltungen, in Gespräche mit Lehrkräften und Eltern, in lokale Netzwerke. Zeitungsartikel, Fernsehbeiträge und Social Media sorgen für zusätzliche Sichtbarkeit. Dank des gewachsenen Unternehmensnetzwerks von ProjektRouter gelingt es, passende Betriebe zu gewinnen. „Unternehmen, die sich für diesen Weg geöffnet haben, wissen alle: Diese Menschen kommen gern zur Arbeit, sind weniger krank und haben eine hohe Identifikation mit dem Betrieb“, berichtet Dr. Micheal Bader, Bereichskoordinator von ProjektRouter.

Passende Plätze finden

Bevor ein Ausbildungsvertrag unterschrieben wird, können die Jugendlichen ihre zukünftige Tätigkeit in einem Betrieb über einen Außenarbeitsplatz mit Werkstattvertrag erproben. Das ermöglicht ein Kennenlernen auf beiden Seiten, ohne sofort alle Sicherheiten aufzugeben. Gerade im Einzelhandel hat sich dieser Weg bewährt: Hier treffen ein hoher Personalbedarf, die Bereitschaft, neue Lösungen zu erproben, und das Interesse vieler Projekt-Teilnehmender am Verkaufsberuf aufeinander. „Sie kennen den Beruf aus ihrer eigenen Erfahrung beim Einkaufen. Es ist für sie etwas Besonderes, in einem Laden zu stehen, Kundinnen und Kunden zu beraten und nach außen sichtbar zu sein“, erzählt Eva-Maria Thoms.
Mit dem unterschriebenen Ausbildungsvertrag haben die Azubis mit Behinderung einen Anspruch auf Unterstützung im Betrieb und in der Berufsschule. Diese wird seit 2022 über das „Budget für Ausbildung“ (§ 61a SGB IX) vollständig staatlich finanziert: Der Betrieb bekommt alle Kosten erstattet, und der Azubi erhält zusätzliche Mittel für die Begleitung durch Inklusionscoachs während der Ausbildung.

Ein prominentes Beispiel ist die REWE Group. Roderich Dörner, HR Partner Inklusion bei der REWE-Region West arbeitete schon in vielen Bereichen mit ProjektRouter und mittendrin e. V. zusammen. Das Unternehmen bietet im Rahmen des Projekts inzwischen Ausbildungsplätze für den Beruf Fachpraktiker/Fachpraktikerin im Verkauf an. Auf diese Stellen können sich junge Menschen mit geistiger Behinderung ohne Umwege direkt bewerben – ein klarer Gewinn für beide Seiten. „Wir bauen sehr auf dieses Modell. Menschen, die eine Ausbildung zum Verkäufer im Einzelhandel nicht schaffen würden, haben mit dem Fachpraktiker die Möglichkeit eine reguläre Ausbildung zu absolvieren. Wir haben sehr positive Resonanz aus unseren Märkten, da diese Menschen sehr engagiert sind und ihre Arbeit lieben“, freut sich Roderich Dörner. Einer dieser motivierten jungen Menschen ist Florian Jilk.

Begleitung im Betrieb und in der Schule

Der Familienvater, der zuvor schon an unterschiedlichen Außenarbeitsplätzen gearbeitet hatte, verfolgte stets ein Ziel: „Ich wollte immer eine Ausbildung machen und zeigen, dass ich das schaffe. Ich bin glücklich, dass ich jetzt hier bin“, sagt der Azubi. Dass er sich so wohlfühlt, hat maßgeblich mit seinem Arbeitsumfeld zu tun. Beim REWE Markt der Familie Scherff in Köln-Stammheim wird sich geduzt und großer Wert auf eine familiäre Atmosphäre gelegt. Das betont auch Oliver Scherff, Partner Kaufmann REWE West und Ausbilder von Florian Jilk: „Wir sind ein sehr buntes Team und es ist uns wichtig, Menschen eine Chance zu geben, die es nicht so leicht haben. Das möchten wir nach außen strahlen und das kommt auch in unserem Stadtteil an.“ 
An drei Tagen in der Woche arbeitet Florian Jilk im REWE Markt – an den anderen zweien besucht er die Berufsschule. Sowohl in der Schule als auch im Betrieb begleitet ihn mehrere Stunden Stunden pro Woche ein Inklusionscoach von ProjektRouter. 
Die Coaches helfen den Auszubildenden nicht nur bei der Organisation von Arbeitsschritten, sondern auch beim Erlernen neuer Aufgaben, beim Umgang mit unerwarteten Schwierigkeiten und beim Erschließen komplexer Unterrichtsinhalte. In der Praxis kann das bedeuten, gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie ein Regal im Supermarkt effizient aufgefüllt wird. Fotos als Gedächtnisstütze, klar strukturierte Arbeitsabläufe oder das gemeinsame Üben einer Aufgabe gehören zum Alltag.
Aber auch darauf zu achten, dass die Teilnehmenden sich nicht selbst überfordern: „Florian war zu Beginn seiner Ausbildung oft zu hektisch und wollte die Arbeit möglichst schnell erledigen. Mit seinem Coach hat er gelernt, sich seine Aufgaben zeitlich einzuteilen, damit er sie entspannter bewältigen kann“, sagt Michael Bader. 
Gleichzeitig schulen die Coaches Ausbilderinnen, Kollegen und Vorgesetzte darin, Aufgaben an individuelle Fähigkeiten anzupassen und auch Rückschritte gelassen zu meistern. Eine Unterstützung, die Oliver Scherff nicht missen möchte: „Der Coach von ProjektRouter ist das Bindeglied zwischen Florian und uns. Er hilft nicht nur dabei, Routine in seine Tätigkeiten zu bringen, sondern erklärte uns auch zu Beginn, was wir von ihm erwarten können und was nicht, damit wir ihn im richtigen Maß fordern und fördern können.“ 
Auch mit den Lehrkräften in der Berufsschule stimmen sich die Coaches ab. Lehrkräfte erfahren, wie sich bestimmte Beeinträchtigungen auf das Lernen auswirken können, und bekommen praktische Tipps, wie Inhalte so aufbereitet werden, dass sie auch mit unterschiedlichen Lese- und Schreibfähigkeiten zugänglich bleiben. Viele Auszubildende müssen zunächst Grundlagen auffrischen oder neue Lernmethoden entwickeln. Für sie ist es das erste Mal in ihrer Bildungslaufbahn, dass ihnen etwas zugetraut wird. „Dieses Vertrauen verändert die Haltung der jungen Leute. Sie wachsen daran sichtbar“, beschreibt Eva-Maria Thoms.

Gute Aussichten nach der Ausbildung

Die Hälfte der zweijährigen Ausbildung hat Florian Jilk bereits geschafft. Im nächsten Sommer steht seine Abschlussprüfung zum Fachpraktiker im Verkauf an. Auch wenn es hart sei, Arbeit, Berufsschule und Familie unter einen Hut zu bringen, glaubt er fest daran, auch diese letzte Hürde zu bewältigen: „Ich werde das schaffen.“ Und danach?  
„Wenn er seine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hat, möchten wir Florian gern in Vollzeit in unserer Inklusionsabteilung übernehmen“, äußert sich Oliver Scherff zu den Aussichten seines Azubis.

Wirkung und Perspektive

Das Projekt startete mit zehn Teilnehmenden und nimmt laufend weitere auf. Schon im ersten Jahr gingen fünf in Ausbildung über, im zweiten folgte eine weitere Person. Von bisher 35 Teilnehmenden mündeten elf in eine Ausbildung ein – und fünf konnten sie erfolgreich abschließen. Manche bleiben länger in der Erprobungsphase, andere wechseln doch zunächst in die Werkstatt. Doch wer sich für die Ausbildung entscheidet, bleibe in der Regel dabei, so Eva-Maria Thoms. Die Anzahl der bisher erfolgreich abgeschlossenen Ausbildungen zeigt: Mit einem strukturierten Herangehen und entsprechender Unterstützung ist auch für Menschen mit geistigen Einschränkungen ein Berufsabschluss nicht ausgeschlossen. Zwar ist ein formaler Abschluss ein großer Erfolg, aber gar nicht das erklärte Ziel des Projekts. Noch wichtiger ist: die gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsleben – mit Perspektive, Anerkennung und einer Chance, Fähigkeiten zu entwickeln, die bislang verborgen blieben.

„Wir setzen einfach konsequent das um, was das Gesetz längst ermöglicht – und zeigen, wie es in der Praxis funktioniert“, betont Eva-Maria Thoms. Bis Ende 2026 ist die Finanzierung gesichert. Die Hoffnung: dass bis dahin Arbeitsagenturen, Kommunen, Schulen und Unternehmen feste Strukturen geschaffen haben, um Menschen mit geistiger Behinderung den Zugang zu regulären Ausbildungsplätzen zu öffnen – nicht als Ausnahme, sondern als selbstverständlichen Teil beruflicher Bildung.