Interview mit Martina Schönborn-Waldorf, Regionalagentur Bonn/Rhein-Sieg

Bild des Benutzers Arbeit.Meding
Gespeichert von Arbeit.Meding am 1. Mai 2017
Porträt Martina Schönborn-Waldorf, Regionalagentur Bonn/Rhein-Sieg
Interview

„Es wäre fatal, wenn wir als Regionalagentur das Thema Digitalisierung nicht ganz oben auf der Agenda hätten“

Fair arbeiten in der IT. Interview mit der Leiterin der Regionalagentur Bonn/Rhein-Sieg, Martina Schönborn-Waldorf zu Ergebnissen und Gestaltungsmöglichkeiten

Für Arbeitsmarkt und Wirtschaft spielt die IT-Branche in der Region Bonn/Rhein-Sieg eine zentrale Rolle. Für die Regionalagentur ein wichtiger Grund, um ein Ideenlabor zum Thema „Fair arbeiten in der IT“ auszurichten. Ein Interview mit der Leiterin der Regionalagentur, Martina Schönborn-Waldorf

ARBEIT.NRW:

Frau Schönborn-Waldorf, als Leiterin der Regionalagentur Bonn/Rhein-Sieg haben Sie die Veränderungsprozesse durch den Bonn-Berlin-Umzug intensiv begleitet. Welche Rolle spielt heute die Digitalisierung in der Region. Warum dazu ein Ideenlabor?

Martina Schönborn-Waldorf:

Als Behörden-Standort waren wir in hohem Maße von den Veränderungen durch den Bonn-Berlin-Umzug betroffen. Vor allem im politiknahen und Lobbybereich gab es viele Arbeitsplätze, die verloren gingen. Aber es sind auch sehr viele neue entstanden, insbesondere im IT-Bereich und im Dienstleistungssektor. Und wie alle Regionen suchen auch wir nach Fachkräften.

Die neue Arbeitskultur durch Digitalisierung ist hier schon vielfach Wirklichkeit. Im IT-Sektor haben wir mit der Telekom ein Zugpferd vor Ort, um das sich inzwischen viele Dienstleister, insbesondere aus der IT-Branche, gruppieren.

In Bonn verfügen wir über den NRW-weit höchsten Anteil an Dienstleistungen, vor allem wissensbasierter Dienstleistungen. Das Thema Digitalisierung und Werkbank 4.0 spielt zudem im Rhein-Sieg-Kreis, für die auf Werkstoffe oder Maschinenbau spezialisierten Unternehmen, eine wichtige Rolle. Vor diesem Hintergrund wäre es fatal, wenn wir als Regionalagentur das Thema Digitalisierung nicht ganz oben auf der Agenda hätten. Für die wirtschaftliche Prosperität und den Arbeitsmarkt der Region ist das von großer Bedeutung.

Es lag daher nahe, ein Ideenlabor zu dem Thema auszurichten und es mit der zentralen Frage zu verknüpfen: Fair arbeiten in der IT – wie kann das funktionieren? Für unser Ideenlabor haben wir ganz gezielt 30 Experten und Expertinnen eingeladen, insbesondere solche Menschen, die auch Gestaltungsmacht haben. Neben Arbeitsministerium und regionaler Wirtschaftsförderung nahmen – jeweils auf Geschäftsführungsebene – Vertreter aus großen und mittelständischen IT-Häusern teil, ebenso klassische Turnschuh-Unternehmen, aber auch Akteure, die sich mit dem Thema faire Arbeit beschäftigen. Mit dabei waren Vertreter des Jobcenters, aus der Wissenschaft sowie ein profilierter Gewerkschafter der IG Metall, die den ersten Flächentarifvertrag für die IT-Branche abgeschlossen hat.

Auf das Arbeitsformat eines Ideenlabors haben sich alle Beteiligten gern eingelassen. Und ich denke, wir haben eine gute Ergebnisqualität erreicht, die uns hilft weiterzuarbeiten.

ARBEIT.NRW:

Welche Ergebnisse, welche Erkenntnisse nehmen Sie aus dem Ideenlabor mit? Was ist notwendig, damit faire Arbeit 4.0 in der Region gelingen kann?

Martina Schönborn-Waldorf:

Im Wesentlichen haben wir Handlungsbedarfe auf drei Ebenen festgestellt: Auf Bundesebene brauchen wir beispielsweise eine Weiterentwicklung der Sozialsysteme, etwa vergleichbar mit der Künstlersozialversicherung, für die freiberuflich arbeitenden ITler, die sogenannten Crowd- und Clickworker , die häufig prekär beschäftigt sind und über geringe soziale Absicherung verfügen. Notwendig sind auch kluge Ideen, um Weiterbildung für die Gruppe zu organisieren und zu finanzieren. Durch die Digitalisierung entwickelt sich eine neue Arbeitskultur, dafür braucht es auch eine neue Unternehmenskultur. Hier stehen auf Landesebene im Rahmen der Modernisierungsförderung bereits Möglichkeiten und Angebote bereit, die zu nutzen und zu erweitern sind, etwa die Potentialberatung oder die Bildungsberatung.

Auf regionaler Ebene gibt es offensichtlich ein großes Bedürfnis, ein Format wie das Ideenlabor zu institutionalisieren. Wir brauchen Plattformen, nicht nur digital, sondern auch analog, die Raum für Austausch, Begegnung und Kreativität bieten. Also eine reale Ergänzung zur digitalen Plattform, die wir mit der IT-Initiative in der Region bereits aufgebaut haben und die zunehmend erfolgreich als Stellenbörse für die Branche funktioniert. Wir brauchen so etwas wie Qualitätszirkel. Über alle Ebenen hinweg ist das Thema Frauenförderung zu bearbeiten, damit in der IT-Branche nicht nur Männer die Strukturen bestimmen.

Besonders freue ich mich, dass wir mit dem Podium 49, eine ehemalige Weinhandlung in der Bonner Südstadt, einen Ort gefunden haben, wo viel Innnovationsqualität aus der Region zusammenkommt. Dass wir mit unserem Ideenlabor dort tagen konnten, fand ich großartig.

ARBEIT.NRW:

Welche weiteren Schwerpunkte und Aufgaben haben Sie als Regionalagentur? Welchen Part haben Sie als lokaler Akteur, auch bei der Umsetzung der ESF-kofinanzierten, regionalisierten Arbeitspolitik?

Martina Schönborn-Waldorf:

Als Regionalagentur sind wir die zentrale Schaltstelle für die Zusammenarbeit der Akteure in der regionalen Arbeitsmarktpolitik. Bei uns angedockt ist auch das Bündnis für Fachkräfte. Wir haben hier im Laufe der Jahre gemeinsam eine hohe Vertrauenskultur entwickelt, für die wir sicher mit verantwortlich sind. Die gute und gewachsene Zusammenarbeit ist hier schon etwas Besonderes. Das trägt sehr dazu bei, dass wir hier abgestimmt und zuverlässig miteinander agieren können. Als Regionalagentur sind wir sehr gut eingebunden in die Wirtschaftsförderungen Bonn und Rhein-Sieg. So können wir auch erfolgreich die Umsetzung der von Land und Europäischen Sozialfonds geförderten Programme in der Arbeitspolitik begleiten. Es gilt ja, die vorhandenen Ressourcen klug einzusetzen und die richtigen Akteure einzubinden, um nachhaltige Lösungen zu finden. Das ist etwas, das bei uns gut funktioniert und uns auch als Regionalagentur auszeichnet.