Interview G.I.B.-Beraterinnen Karin Linde, Katja Sträde

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G.I.B.-Beraterinnen Katja Sträde und Karin Linde im Porträt
Interview

"Anschub und Umsetzung unternehmensnaher Kinderbetreuung sind kein Selbstläufer. Es braucht fachliche Beratung."

Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.): Fortbildungsangebot zu unternehmensnaher Kinderbetreuung im 2. Halbjahr 2017 – Aufbau von Beratungspool

Die Landesgesellschaft G.I.B. hat eine bislang einmalige Fortbildungsreihe zum Themenfeld unternehmensnahe Kinderbetreuung entwickelt – als ein nachhaltiges Angebot zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und zur Umsetzung familienfreundlicher Personalpolitik in Unternehmen. Im Interview erläutern die G.I.B.-Beraterinnen Karin Linde und Katja Sträde das Konzept und warum ein Pool von geschulten Beratungsfachkräften notwendig ist.

ARBEIT.NRW:

Was hat die G.I.B. veranlasst, nun zum zweiten Mal eine Fortbildungsreihe zu unternehmensnaher Kinderbetreuung durchzuführen? Was ist das Besondere an diesem Angebot?

Karin Linde:

Nach der Workshop-Reihe im vergangenen Jahr waren das Interesse und die Nachfrage sehr groß, daher haben wir uns entschlossen, das Fortbildungsangebot fortzusetzen. Konzept und Methodik haben sich bewährt und wir haben genau die Zielgruppe der Multiplikatoren erreicht, die es braucht, um unternehmensnahe Kinderbetreuung effizient und wirkungsvoll anzuschieben.
Wir wollen darüber einen Beratungs-Pool aufbauen, damit es in Nordrhein-Westfalen ausreichend geschulte Beraterinnen und Berater gibt, die vor allem kleinere und mittlere Unternehmen fundiert und professionell bei der Umsetzung unternehmensnaher Kinderbetreuung als einer wichtigen, aber doch komplexen Maßnahme familienfreundlicher Personalpolitik begleiten können.
Konkret geht es vor allem darum, die Lücken zu gesetzlichen Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu schließen, etwa Lösungen für Randzeitenbetreuung oder ergänzende Dienstleistungen bei Schichtarbeit oder Dienstreisen zu finden und anzubieten.

Das Angebot haben wir ganz neu entwickelt, das gibt es bislang nirgendwo anders. Wir haben es aus der Erfahrung heraus konzipiert, dass eine zeitlich begrenzte Projektförderung nicht hinreichend geeignet ist.

Das Angebot haben wir ganz neu entwickelt, das gibt es bislang nirgendwo anders. Wir haben es schlicht aus der Erfahrung heraus konzipiert, dass – etwa im Rahmen des Fachkräfteaufrufs – eine zeitlich begrenzte Projektförderung nicht hinreichend geeignet ist. Anschub und Umsetzung unternehmensnaher Kinderbetreuung sind kein Selbstläufer. Sinnvoll ist es daher, geeignetere Strukturen zu schaffen und eine prozessorientierte Beratung und Begleitung einzustielen, damit Unternehmen am Ball bleiben und nicht aufgeben.

Katja Sträde:  Dass Unternehmen angesichts der Hürden resignieren, ist in der Tat ein Teil der Problematik. Denn unternehmensnahe Kinderbetreuung einzurichten ist nicht nur ein komplexer, sondern in Teilen auch aufwendiger Kommunikationsprozess. Nicht zuletzt weil unterschiedliche Akteure, etwa das Jugendamt, mit ins Boot zu nehmen sind und beide Seiten schnell merken, dass sie verschiedene Sprachen sprechen. Unternehmen haben daher oftmals Schwierigkeiten, sich neben ihrem eigentlichen Geschäftsfeld der Kinderbetreuung zu widmen.
Eine kompetente fachliche Beratung wiederum muss Bescheid wissen über familienbewusste Personalpolitik und Lösungen zur Umsetzung kennen. Sie muss aber auch über gesetzliche Regelungen zu Kinderbetreuung und Jugendhilfe tiefergehend informiert sein.
Unternehmen lassen sich eher gewinnen, wenn sie sich nicht allein auf den Weg machen müssen und sich fachliche Beratung und Prozessbegleitung einholen können. Es braucht also jemanden, der für das Matching sorgt, und es braucht jemanden, der sich kümmert. In diese Rolle wollen wir die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren versetzen, damit sie genau das leisten können.

ARBEIT.NRW:

Können Sie ein Beispiel aus der Praxis nennen?

Katja Sträde:

In meiner vorherigen Tätigkeit bei der Regionalagentur habe ich beispielsweise einen mobilen Pflegedienst mitbegleitet. Sie wollten für die Frühschicht eine Kinderbetreuung anbieten, und zwar in Form einer Tagespflege. Dazu haben sie eine Wohnung angemietet, die sie einer Tagesmutter zur Verfügung stellten. Zusätzlich haben sie eine Beschäftigte aus dem Schreibpool zur Tagesmutter ausgebildet, damit sie die Krankheits- und Urlaubsvertretung für die Tagespflege übernehmen kann. Mit dieser Lösung kommt der mobile Pflegedienst jetzt sehr gut zurecht.

Für Beschäftigte und Arbeitgeber ist das Ermöglichen einer Kinderbetreuung eine Win-Win-Situation. Im Wettbewerb um gut ausgebildete Fachkräfte kann sich das Unternehmen als attraktiver Arbeitgeber positionieren.

Diese unternehmensnahe Kinderbetreuung ist letztlich aber nur durch die begleitende Beratung zustande gekommen und hat sich aus einer von Land und ESF-geförderten Potentialberatung heraus entwickelt. Für Beschäftigte und Arbeitgeber ist das eine Win-Win-Situation. Und im Wettbewerb um gut ausgebildete Fachkräfte kann sich das Unternehmen - wie im Übrigen auch alle anderen Unternehmen, die in diesem Feld aktiv werden - als attraktiver Arbeitgeber positionieren.

ARBEIT.NRW:

Wie ist es in Nordrhein-Westfalen um die unternehmensnahe Kinderbetreuung als Teil einer familienbewussten Personal und Arbeitspolitik bestellt. Was lässt sich zum aktuellen Stand sagen?

Karin Linde:

Es gibt regelmäßige Studien, die Unternehmen zum Thema befragen. Danach haben in den letzten Jahren die Angebote unternehmensnaher Kinderbetreuung zugenommen, aber es ist nach wie vor nicht ausreichend. Schwierig ist es insbesondere, wenn Unternehmen selbst aktiv werden wollen, weil sie nach wie vor auf viele Hürden treffen.
Was Beratung und private Dienstleister angeht, gibt es in NRW bislang sehr wenige, die fachspezifisch beraten können. Hierzulande sind es schätzungsweise 10 bis 12 private Dienstleister, die ein komplettes Kinderbetreuungsangebot durchplanen und anbieten können. Das hat natürlich auch seinen Preis.
Mit unserer Fortbildungsreihe wenden wir uns daher ganz gezielt an Multiplikatoren und erfahrene Beratungsfachkräfte aus Wirtschaftsförderung, Regionalagenturen, Unternehmensberatungen, Kompetenzzentren Frau und Beruf oder Arbeitgeberservices bei Jobcentern und Arbeitsagenturen, damit sie zielführend den Anschub-Prozess begleiten können.
Die Fortbildungsreihe ist eingebunden in die ESF-geförderte Landesarbeitspolitik, wie die G.I.B. sie im Rahmen der fachlichen Begleitung zu den Querschnittszielen Gleichstellung und Chancengleichheit unterstützt. Familienbewusste Personalpolitik ist ein wichtiger Baustein, um Fachkräfte zu sichern und zu halten, insbesondere auch, um die Frauenerwerbstätigkeit zu verbessern.
Gute Kinderbetreuung zu ermöglichen ist dabei im Interesse der Unternehmen wie der Beschäftigten. Das wollen wir nachhaltig fördern. Mit einer zusätzlichen Arbeitshilfe, die alle wichtigen Informationen und Schritte zusammenfasst, werden wir unser Angebotspaket demnächst komplettieren.