Interview G.I.B.-Beraterinnen Karin Linde, Katja Sträde

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Katja Sträde (l.), Karin Linde, G.I.B.-Beraterinnen, am Beratungstisch
Interview

"Anschub und Umsetzung unternehmensnaher Kinderbetreuung sind kein Selbstläufer. Es braucht fachliche Beratung."

Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.): Arbeitshilfe und Fortbildungsangebot zu unternehmensnaher Kinderbetreuung

Die Landesgesellschaft G.I.B. hat eine Broschüre als Arbeitshilfe für Beratende aufgelegt und erweitert das bislang einmalige Angebot zum Themenfeld unternehmensnahe Kinderbetreuung. Zusammen mit einer Fortbildungsreihe unterstützt die G.I.B. damit familienfreundliche Personalpolitik in Unternehmen und bietet praxisnahe Bausteine zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Im Interview erläutern die G.I.B.-Beraterinnen Karin Linde und Katja Sträde das Angebot.

ARBEIT.NRW:

Was hat die G.I.B. veranlasst, das Angebot für Beratende im Themenfeld unternehmensnahe Kinderbetreuung zu erweitern? Es gibt jetzt eine Broschüre und ab 2019 geht es mit der Fortbildungsreihe weiter. Was macht ein solches Angebot so notwendig?

Karin Linde:

Nach wie vor gibt es einen hohen Bedarf von Seiten nachfragender Unternehmen und damit verbunden die Nachfrage nach Weiterentwicklung der spezifischen Beratungskompetenz durch die Beratungsinfrastruktur. Deshalb haben wir uns nach dem Erfolg  der Workshop-Reihe 2016/17 entschlossen, das Fortbildungsangebot nicht nur fortzusetzen, sondern auch durch eine Broschüre oder besser eine Arbeitshilfe für Beratungsprozesse zum Thema unternehmensnahe Kinderbetreuung zu ergänzen. In dieser Kompaktheit ist das sicher etwas Besonderes und nach wie vor Einmaliges.

Die Broschüre behandelt als Grundlagenwissen die drei Themen: Familienbewusste Personalpolitik in Unternehmen, Kindertagesbetreuung in Nordrhein-Westfalen – Rahmenbedingungen und Regelungen, das ist ein Beitrag von Prof. Dr. Stöbe-Blossey, sowie Kindertagespflege und Gestaltungsmöglichkeiten für Unternehmen. Beschrieben werden zudem bewährte Beispiele unternehmensnaher Kinderbetreuung in Form von Kurzdarstellungen. Der rote Faden der prozessorientierten Beratung wird durch zwei  Praxisbeispiele verdeutlicht und zeigt, wie die Beratung zur unternehmensnahen Kinderbetreuung zum Erfolg führt.

Bei der Fortbildungsreihe haben sich Konzept und Methodik bewährt. Da wollen wir weitermachen, weil geschulte Beraterinnen und Berater weiterhin benötigt und nachgefragt werden. Grundsätzlich halten wir es für sinnvoll, dass in jeder kommunalen Wirtschaftsförderung ein strukturelles Angebot und entsprechende Beratungskompetenz zum Thema unternehmensnaher Kinderbetreuung, als Unterthema von familienbewusster Unternehmenspolitik, vorhanden ist. Das Gleiche gilt auch für die Beraterinnen und Berater, die zur  Förderung Potentialberatung oder UnternehmensWert Mensch beraten.

Unser Ziel ist es, einen Beratungs-Pool aufzubauen, damit es in Nordrhein-Westfalen ausreichend geschulte Beraterinnen und Berater gibt, die vor allem kleinere und mittlere Unternehmen fundiert und professionell bei der Umsetzung unternehmensnaher Kinderbetreuung als einer wichtigen, aber doch komplexen Maßnahme familienfreundlicher Personalpolitik begleiten können.
Konkret geht es vor allem darum, die Lücken zu gesetzlichen Kinderbetreuungsmöglichkeiten zu schließen, etwa Lösungen für Randzeitenbetreuung oder ergänzende Dienstleistungen bei Schichtarbeit oder Dienstreisen zu finden und anzubieten.

Grundsätzlich halten wir es für sinnvoll, dass in jeder kommunalen Wirtschaftsförderung ein strukturelles Angebot und entsprechende Beratungskompetenz zum Thema unternehmensnaher Kinderbetreuung vorhanden ist.

Das Angebot haben wir schlicht aus der Erfahrung heraus konzipiert, dass eine zeitlich begrenzte Projektförderung nicht hinreichend geeignet ist. Anschub und Umsetzung unternehmensnaher Kinderbetreuung sind kein Selbstläufer. Sinnvoll ist es daher, geeignetere Strukturen zu schaffen und eine prozessorientierte Beratung und Begleitung einzustielen, damit Unternehmen am Ball bleiben und nicht aufgeben.

Katja Sträde:  Dass Unternehmen angesichts der Hürden resignieren, ist in der Tat ein Teil der Problematik. Denn unternehmensnahe Kinderbetreuung einzurichten ist nicht nur ein komplexer, sondern in Teilen auch aufwendiger Kommunikationsprozess. Nicht zuletzt weil unterschiedliche Akteure, etwa das Jugendamt, mit ins Boot zu nehmen sind und beide Seiten schnell merken, dass sie verschiedene Sprachen sprechen. Unternehmen haben daher oftmals Schwierigkeiten, sich neben ihrem eigentlichen Geschäftsfeld der Kinderbetreuung zu widmen.
Eine kompetente fachliche Beratung wiederum muss Bescheid wissen über familienbewusste Personalpolitik und Lösungen zur Umsetzung kennen. Sie muss aber auch über gesetzliche Regelungen zu Kinderbetreuung und Jugendhilfe tiefergehend informiert sein.
Unternehmen lassen sich eher gewinnen, wenn sie sich nicht allein auf den Weg machen müssen und sich fachliche Beratung und Prozessbegleitung einholen können. Es braucht also jemanden, der für das Matching sorgt, und es braucht jemanden, der sich kümmert. In diese Rolle wollen wir die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren versetzen, damit sie genau das leisten können.

ARBEIT.NRW:

Können Sie ein Beispiel aus der Praxis nennen?

Katja Sträde:

Eine Regionalagentur hat beispielsweise einen mobilen Pflegedienst mitbegleitet. Dort wollte man für die Frühschicht eine Kinderbetreuung anbieten, und zwar in Form einer Tagespflege. Dazu haben sie eine Wohnung angemietet, die sie einer Tagesmutter zur Verfügung stellten. Zusätzlich haben sie eine Beschäftigte aus dem Schreibpool zur Tagesmutter ausgebildet, damit sie die Krankheits- und Urlaubsvertretung für die Tagespflege übernehmen kann. Mit dieser Lösung kommt der mobile Pflegedienst jetzt sehr gut zurecht.

Für Beschäftigte und Arbeitgeber ist das Ermöglichen einer Kinderbetreuung eine Win-Win-Situation. Im Wettbewerb um gut ausgebildete Fachkräfte kann sich das Unternehmen als attraktiver Arbeitgeber positionieren.

Diese unternehmensnahe Kinderbetreuung ist letztlich aber nur durch die begleitende Beratung zustande gekommen und hat sich aus einer von Land und ESF-geförderten Potentialberatung heraus entwickelt. Beschäftigte und Arbeitgeber profitieren gleichermaßen. Und im Wettbewerb um gut ausgebildete Fachkräfte kann sich das Unternehmen - wie im Übrigen auch alle anderen Unternehmen, die in diesem Feld aktiv werden - als attraktiver Arbeitgeber positionieren.

ARBEIT.NRW:

Wie ist es in Nordrhein-Westfalen um die unternehmensnahe Kinderbetreuung als Teil einer familienbewussten Personal und Arbeitspolitik bestellt. Was lässt sich zum aktuellen Stand sagen?

Karin Linde:

Es gibt regelmäßige Studien, die Unternehmen zum Thema befragen. Danach haben in den letzten Jahren die Angebote unternehmensnaher Kinderbetreuung zugenommen, aber es ist nach wie vor nicht ausreichend. Schwierig ist es insbesondere, wenn Unternehmen selbst aktiv werden wollen, weil sie nach wie vor auf viele Hürden treffen.
Was Beratung und private Dienstleister angeht, gibt es in NRW bislang sehr wenige, die fachspezifisch beraten können. Hierzulande sind es schätzungsweise 10 bis 12 private Dienstleister, die ein komplettes Kinderbetreuungsangebot durchplanen und anbieten können. Das hat natürlich auch seinen Preis.
Mit unserer Fortbildungsreihe wenden wir uns daher ganz gezielt an Multiplikatoren und erfahrene Beratungsfachkräfte aus Wirtschaftsförderung, Regionalagenturen, Unternehmensberatungen, Kompetenzzentren Frau und Beruf oder Arbeitgeberservices bei Jobcentern und Arbeitsagenturen, damit sie zielführend den Anschub-Prozess begleiten können.
Die Fortbildungsreihe ist eingebunden in die ESF-geförderte Landesarbeitspolitik, wie die G.I.B. sie im Rahmen der fachlichen Begleitung zu den Querschnittszielen Gleichstellung und Chancengleichheit unterstützt. Familienbewusste Personalpolitik ist ein wichtiger Baustein, um Fachkräfte zu sichern und zu halten, insbesondere auch, um die Frauenerwerbstätigkeit zu verbessern.
Gute Kinderbetreuung zu ermöglichen ist dabei im Interesse der Unternehmen wie der Beschäftigten. Das wollen wir weiterhin nachhaltig fördern.