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Mann im Rollstuhl vor einem Arbeitstisch mit zwei Monitoren, einer Tastatur und einem Telefon

Trotz Schwerbehinderung – Ausbildung zum Kaufmann im E-Commerce

EU-geförderte Aktion "100 zusätzliche Ausbildungsplätze für Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung " – Praxisbeispiel beim Berufsförderungswerk Dortmund

Mit der Aktion „100 zusätzliche Ausbildungsplätze für Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung“ eröffnet das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen jungen Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen Wege zur betrieblichen Ausbildung. Einer von ihnen ist Salih Sido. Er ist heute Kaufmann im E-Commerce.

Ausbildung mit GdB 100 ist möglich

Der Grad einer Behinderung wird auf einer Skala von 0 bis 100 angegeben. Ab einem Wert von 50 gilt ein Mensch als schwerbehindert. Bei Salih Sido hatten Ärzte eine spinale Muskelatrophie diagnostiziert, eine Erkrankung, die zu fortschreitender Muskelschwäche und Muskelschwund führt. Bei ihm liegt der Grad der Behinderung bei 100. Der Grad der Behinderung gibt Auskunft über den Anspruch auf Nachteilausgleich im Berufsleben. Salih Sido hat eine Ausbildung auf dem ersten Ausbildungsmarkt absolviert und arbeitet heute als Kaufmann im E-Commerce. Geschafft hat er das mit Unterstützung des Teams der Aktion 100 im Berufsförderungswerk Dortmund (BFW).

Nach seinem Hauptschulabschluss hat Salih Sido eine einjährige berufsvorbereitende Maßnahme absolviert und den Realschlussabschluss nachgeholt – mit Qualifikationsvermerk! Gleich darauf hatte er sich, erzählt er, „auf eigene Faust beworben“, aber immer nur Ablehnungen bekommen: „Als Grund wurde meist mangelnde Barrierefreiheit genannt, aber im Lauf der Zeit erkennt man ein Muster.“ Nach all den vielen erfolglosen Versuchen empfahl ihm die Agentur für Arbeit die Teilnahme an der Aktion 100. Salih Sido heute: „Das war eine gute Entscheidung.“

Vollumfängliche Unterstützung

Die Aktion 100 will Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit besonderen Unterstützungsbedarfen den Zugang zu einer Ausbildung ermöglichen und ihre Integration in den Arbeitsmarkt nachhaltig fördern.

Für die Durchführung der Ausbildung sind Berufsförderungswerke (BFW) und Berufsbildungswerke (BBW) in Nordrhein-Westfalen zuständig. Sie stehen sowohl den teilnehmenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen als auch den kooperierenden Betrieben mit Rat und Tat zur Seite, halten Kontakt zu den Berufskollegs und den Kammern. Insbesondere unterstützen und koordinieren sie bei Problemen und Herausforderungen im Ausbildungsprozess.

Zuständig im Fall von Salih Sido war das Team der Aktion 100 mit der Projektleiterin Sevinç Demir im Berufsförderungswerk Dortmund, das mit ihm den Ausbildungsvertrag schloss, die Ausbildung an den Lernorten koordinierte und individuellen Stütz- und Förderunterricht bot. Sozialpädagogisches Fachpersonal begleitete Salih Sido während seiner Ausbildung.

Neben den Gesprächen und dem Beziehungsaufbau mit den Teilnehmenden findet in den ersten Wochen die Einmündung in die Berufsschule statt. Dazu wird im BFW der Unterrichtsstoff aufgearbeitet. Es werden Inhalte der Fächer Wirtschaft und Soziales, Rechnungswesen, Deutsch, Mathematik und Englisch angeboten. Ein umfangreiches Bewerbungstraining erhöht erfolgreich die Chancen auf einen kooperativen Ausbildungsplatz.

In dieser Zeit bekommt das Team einen Eindruck vom aktuellen Leistungsstand der Teilnehmenden. Darauf aufbauend werden individuelle Fördereinheiten realisiert.

In intensiven Gesprächen ging es in diesen Wochen auch um die beruflichen Zielvorstellungen von Salih Sido. Sein Wunschberuf war Kaufmann für Büromanagement. Doch nach weiteren Erkundungen kristallisierte sich schon bald heraus, dass ein anderer Beruf für ihn viel besser geeignet ist: Kaufmann im E-Commerce. Salih Sido: „Das entsprach viel eher meinen Interessen. Eine in meinen Augen spannendere Alternative. Gereizt hat mich daran die gesamte Online-Entwicklung und die geforderte Kreativität etwa bei der Entwicklung von Landing Pages. Das macht mir deutlich mehr Spaß.“

Erst Praktikum, dann Ausbildungsplatz

Nach der Entscheidung und Zustimmung der Agentur für Arbeit begann sofort die Suche nach einem geeigneten Kooperationsbetrieb. Trotz der hohen Anforderungen an den Arbeitsplatz – er musste rollstuhlgerecht sein – war dieser bald gefunden. Nach zweiwöchigem Praktikum entschied der Betrieb: Salih Sido kann hier die Ausbildung zum Kaufmann im E-Commerce beginnen.

Doch ganz so einfach war der Einstieg in die Ausbildung nicht, denn: Der Betrieb war keineswegs barrierefrei. Die Büros im ersten Stockwerk konnte Salih Sido in seinem Rollstuhl nicht erreichen. Mit Unterstützung durch die Agentur für Arbeit Bochum gab es Überlegungen, einen Treppenlift oder sogar einen Fahrstuhl anzubauen. Doch nach einiger Überlegung war rasch eine Lösung gefunden: In den Verkaufsflächen im Parterre wurde eigens für Salih Sido ein Arbeitsplatz eingerichtet: ein höhenverstellbarer Schreibtisch mit spezieller PC-Maus und Tastatur.

Im weiteren Verlauf seiner Ausbildung nahm Salih Sido auch am Stütz- und Förderunterricht des BFW teil, bereitete sich mit Unterstützung der Ausbilder auf die anstehenden Klausuren vor und übte für die Abschlussprüfungen: „Das hat mir sehr geholfen. Im Dialog mit dem Lehrpersonal sowie den Ausbilderinnen und Ausbildern lernt man viel leichter als allein vor dem PC.“

Ziel erreicht

Der Einsatz aller Beteiligten hat sich gelohnt. Salih Sido hat seine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Übernehmen konnte ihn der Betrieb indes nicht. Salih Sido: „Aber das war von Anfang an klar.“

Aufgegeben hat Salih Sido deswegen nicht. Die bestandene Prüfung stärkte sein Selbstbewusstsein: „Ich wusste ja jetzt, dass ich was kann“. Mit dieser Motivation suchte er geeignete Arbeitgeber. Pierre Bause, Ausbilder im BFW Dortmund, machte ihn auf den jetzigen Arbeitgeber aufmerksam und bestärkte ihn, sich dort zu bewerben: Dr. Ausbüttel & Co. GmbH, ein Medizintechnikhersteller in Dortmund. Das Familienunternehmen – seit 1894! –  setzte ihn im Kundencenter ein.

Auch der neue Arbeitgeber berücksichtigte die besonderen Ansprüche, die sich im Arbeitsalltag ergaben. Salih Sido nennt dafür ein einfaches Beispiel: „Die Tür zur Cafeteria konnte ich nicht alleine öffnen. Hier hat man kurzerhand einen elektrischen Türöffner eingebaut.“

Anerkennend äußert er sich auch über die Unterstützung seitens seiner Kolleginnen und Kollegen: „Sie sind alle, wie auch in meinem Ausbildungsbetrieb, von sich aus sehr sozial eingestellt und unterstützen mich mit vielen kleinen Handgriffen und Hilfen.“  

Dennoch ist Salih Sido weiter auf professionelle Unterstützung angewiesen: „Obwohl ich seit gut einem Jahr eigenständig lebe, habe ich ein vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe finanziertes Assistententeam an der Seite, das aus vier Personen besteht, die mich im Schichtwechsel unterstützen – auch bei der Arbeit, also 24 Stunden am Tag.“

Und das funktioniert! Salih Sido hat mittlerweile einen unbefristeten Arbeitsvertrag und ist in die Personalabteilung des Unternehmens gewechselt. Sevinç Demir vom BFW schätzt sein Durchhaltevermögen sehr. „Trotz der Schwere seiner Behinderung war er auch in schwierigsten Umständen immer außergewöhnlich stabil. Notwendige Krankenhausaufenthalte, defekter Rollstuhl oder ausgefallene Fahrdienste – Herr Sido behielt seinen unerschütterlichen Optimismus bei!"

Ähnlich positiv klingt das Urteil von Salih Sido über die Aktion 100: „Das ist wirklich eine sehr schöne Aktion. Es gibt ja noch viele andere Menschen mit einem ähnlich hohen Grad der Behinderung. Doch mit Unterstützung sowie eigener Willenskraft kann man es schaffen.“