Arbeit 4.0. – Dokumentation Betriebs- und Personalrätekonferenz 2016

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Foto: Podiumsdiskussion

Gute und faire Arbeit in der digitalisierten Welt - Personal- und Betriebsrätekonferenz diskutiert zu Arbeit 4.0 in NRW

Betriebs- und Personalrätekonferenz 2016 auf Einladung des NRW-Arbeitsministeriums - Digitalisierung im Dienstleistungs- und Verwaltungsbereich gestalten, Betriebs- und Personalräte unterstützen

Wie lässt sich gute, faire Arbeit 4.0 gestalten, wie können Betriebsräte unterstützt werden? Über 500 Teilnehmende waren der Einladung des NRW-Arbeitsministeriums zur Betriebs- und Personalrätekonferenz 2016 gefolgt. Im Fokus stand die Digitalisierung im Dienstleistungs- und Verwaltungsbereich. Ein Bericht mit Fotogalerie dokumentiert die Ergebnisse.

Die Gestaltung guter, fairer Arbeit 4.0 wird in den Betrieben entschieden. Das gilt auch für die Digitalisierung im Dienstleistungs- und Verwaltungsbereich. Auf Einladung des NRW-Arbeitsministeriums kamen über 500 Teilnehmende zur Betriebs- und Personalrätekonferenz 2016 nach Düsseldorf. Ziel war es, über die Auswirkungen von Digitalisierung und Vernetzung in (Dienstleistungs-)Betrieben und Verwaltungen zu diskutieren und Handlungsmöglichkeiten für Beschäftigte und ihre Vertretungen auszuloten. Die erste Betriebsrätekonferenz fand 2015 mit dem Schwerpunkt Produzierendes Gewerbe statt.

Gute Rahmenbedingungen, um Digitalisierung mit Fortschritten der Lebens- und Arbeitsqualität zu verbinden – ver.di- Landeschefin Gabriele Schmidt

Die Digitalisierung müsse mit spürbaren Fortschritten der Lebens- und Arbeitsqualität verbunden werden, machte ver.di-Landeschefin Gabriele Schmidt in ihrem Redebeitrag deutlich.
Im Dienstleistungsbereich hat die Digitalisierung längst Einzug gehalten. So sind nach Schätzung von ver.di bereits rund 92 Prozent der Arbeitsplätze in Medien und Kultur, 82 Prozent in Energieunternehmen oder 71 Prozent im Handel „digital ausgestattet“.
„Die Frage, wie das zu bewerkstelligen ist, wird sich umso dringlicher stellen, je massiver die ausgelösten Innovationsschübe und damit die Rationalisierungseffekte ausfallen“, so Gabriele Schmidt. „Auch im Dienstleistungsbereich geht Innovation häufig mit Verdrängung einher. Ohne entsprechende Rahmenbedingungen kommt es zu Fehlentwicklungen und massiven Arbeitsplatzverlusten“, beschrieb die ver.di-Landesbezirksleiterin die Sorgen und Befürchtungen vieler Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter.
Zugleich unterstrich sie die Bereitschaft der Gewerkschaften, an einem konstruktiven Diskussions- und Gestaltungsprozess mitzuwirken. Die Umwälzungen im Zuge der Digitalisierung, so Gabriele Schmidt, „brauchen die politische Intervention“ aller Beteiligten. Die Arbeitgeber und ihre Verbände forderte die ver.di-Landeschefin zur „Zusammenarbeit auf Augenhöhe“ auf. Stattdessen auf Flexibilisierung der Arbeitszeit und Deregulierung des Arbeitsschutzes zu setzen, sei keine Antwort auf drängende Fragen. Angesichts der „gewaltigen Zugewinne an Produktivität und Reichtum durch technologische Entwicklungen“ komme es vielmehr darauf an, „nicht nur qualitativ gute Arbeitsplätze zu schaffen, sondern auch einen humanen, sozialen und ökologischen Fortschritt, schlicht mehr Lebensqualität zu ermöglichen, an dem wir alle interessiert sind“.

Digitales Fließband oder neue Humanisierung der Arbeit – Dr. Kira Marrs (ISF) zu Ergebnissen aus der Forschung

Die Chancen und Risiken sowie die positiven wie negativen Szenarien, die mit der Digitalisierung einhergehen, lotete Dr. Kira Marrs vom Institut für Sozialwissenschaften (ISF) in München in ihrem Vortrag aus. Die Wissenschaftlerin untersucht in drei empirischen, vom Bund geförderten Forschungsprojekten den digitalen Wandel und die Folgen für die Zukunft der Arbeitswelt.
„Der digitale Umbruch der Arbeitswelt findet jetzt statt und er wird ähnlich tiefgreifend sein wie die Durchsetzung der Industrie ab Mitte des 19 Jahrhunderts“, so ihre Einschätzung der gegenwärtigen Situation. Und um keinen Zweifel an der Dringlichkeit aufkommen zu lassen, spitzte sie noch einmal zu: „Mit Blick auf die Zukunft der Arbeitswelt stehen wir an einem Scheideweg.“ Die zentrale Frage sei deshalb: „Wie können wir die Potenziale und Chancen der Digitalisierung für eine humane und nachhaltige Arbeitswelt nutzen?“ Und ganz wichtig: „Wie können wir aus der technischen Falle herauskommen?“
Um ‚Empowerment‘ und Beteiligung, also die Souveränität aller am Prozess beteiligten Beschäftigten und Menschen sicherzustellen, skizzierte die Wissenschaftlerin drei zentrale Handlungsfelder. Der Strukturwandel der Arbeit sei aktiv zu begleiten. Dazu gehöre auch eine vorausschauende Bildungs- und Personalpolitik und es dürfe nicht tatenlos zugesehen werden, wenn das bestehende Regulationssystem der Arbeit unter dem Druck der Digitalisierung erodiere.
In der Konsequenz und als entscheidendes drittes Handlungsfeld plädierte die Wissenschaftlerin für eine „neue Initiative zur Humanisierung des Arbeitslebens“. Diese sei daran zu orientieren, die neuen Möglichkeiten der Kommunikation und Interaktion zu nutzen, um aus der Digitalisierung ein „Mehr an gesellschaftlicher Wohlfahrt“ zu gewinnen.

Auf dem anschließenden Podium diskutierten ver.di-Landeschefin Gabriele Schmidt, Forscherin Dr. Kira Marrs und Peter Stockhorst, Vorstandsvorsitzender der ERGO Direktversicherungen, mit Vertretern der Landesregierung über Einschätzungen, Erfahrungen und Handlungsoptionen zur Gestaltung des digitalen Wandels. Wichtige Themen waren u.a. Arbeitszeiten, Datenschutz, aber auch Ausbildung und neue Anforderungen an Fach- und Führungskräfte in einer digitalisierten Arbeitswelt. Chancen und Risiken – in der Einschätzung der Diskutierenden gab es ein klares Unentschieden mit großer Bereitschaft zum aktiven Gestalten.

In insgesamt sechs Fachforen hatten die Teilnehmenden Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen und gezielt zu Fachfragen in einzelnen Branchen zu diskutieren. In jedem Fachforum gaben Expertinnen und Experten zunächst einen Input und berichteten aus der Praxis, anschließend gingen sie auf Fragen aus dem Publikum ein. Die Themen waren: 1. Elektronische Akte: Ist digital besser? 2. E-Government: Offene Daten, offener Dialog. 3. Future Work: Arbeiten ohne Ort und Zeit? 4. Gesundheit und Pflege: Mehr Menschlichkeit durch Technik? 5. Logistik- und Verkehrsbetriebe: Kontrolle durch totale Vernetzung? 6. E-Commerce: Neue Arbeitsorganisation im Handel. Weitgehend Einigkeit bestand darin, die Mitbestimmungsrechte auszubauen, Arbeitnehmerdatenschutz auf die neuen Anforderungen anzupassen sowie geeignete Modellprojekte umzusetzen, in denen neuere Arbeitsformen ausprobiert werden.

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