TEP - Ausbildung in Teilzeit in Corona-Zeiten

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Gespeichert von Arbeit.Meding am 13. Mai 2020
Eine Frau steht in einem leeren Raum
Interview

Mehraufwand mit Mehrwert - kreative Lösungen für die Ausbildung in Teilzeit in Corona-Zeiten

"Teilzeitberufsausbildung – Einstieg begleiten – Perspektiven öffnen" (TEP), gefördert aus Mitteln des Landes und des Europäischen Sozialfonds (ESF) - Erfahrungen des TEP-Trägers REinit e.v.

Die Förderprogramme sind in Corona-Zeiten kontaktreduziert umzusetzen. Der Träger REinit e.V. in Recklinghausen hat kreative Lösungen gefunden und im Rahmen des Programms "Teilzeitberufsausbildung – Einstieg begleiten – Perspektiven öffnen" (TEP) erfolgreich eingesetzt. Fachbereichsleiterin Mariethres van Bürk-Opahle: „In Krisen entstehen neue Ideen und Lösungen. Das ist ein Mehrwert, der sich positiv auf unsere Arbeit auswirken wird.“

ARBEIT.NRW:

Frau van Bürk-Opahle, welche Auswirkungen hatte der Erlass des MAGS NRW zur „kontaktreduzierten Umsetzung von arbeitspolitischen Fördermaßnahmen“ auf Ihre Arbeit im Programm „Teilzeitberufsausbildung: Einstieg begleiten - Perspektiven öffnen“ (TEP)?
 

Mariethres van Bürk-Opahle, REinit:

Zunächst haben wir uns selbst technisch so aufgestellt, dass alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Home-Office arbeiten konnten. Von der ersten Minute an war für uns klar: Wir machen unsere Arbeit weiter wie bisher - nur mit anderen Mitteln. Auch wenn die Teilnehmenden nicht mehr vor Ort sind, wir sind weiter für sie da. Das gilt für diejenigen, die sich in der Vorbereitungsphase befinden genauso wie für diejenigen in der Begleitphase nach Ausbildungsbeginn.

So haben wir alle Teilnehmenden der Vorbereitungsphase angerufen, um in Erfahrung zu bringen, welche technischen Möglichkeiten für die Kommunikation ihnen zu Hause zur Verfügung stehen. Parallel dazu haben wir sämtliche Übungsmaterialien und Lerneinheiten aus dem Präsenzunterricht wie etwa die Module „Arbeitsrecht für Auszubildende“, „Life-Work-Planning“ oder „Finanzierung einer Berufsausbildung“ so aufbereitet, dass alle Arbeitsblätter über eigenständiges Lernen auch zu Hause bearbeitet werden können. Um auf eventuelle Krankheitsfälle unter unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vorbereitet zu sein, haben wir die Lehrmaterialien zur Selbstbearbeitung für mehr als vier Wochen im Voraus erstellt. Zwei Teilnehmende, die weder über Laptop noch Smartphone verfügen, bekamen die Unterlagen mit frankiertem Rückumschlag per Post zugesandt, so dass auch sie weiterlernen und ihre Lernfortschritte dokumentieren können.

Darüber hinaus nutzen wir die digitale Lernplattform „überaus“ der Fachstelle Übergänge Ausbildung und Beruf. Sie bietet eine Reihe von digitalen Werkzeugen zur Kommunikation, Kooperation und Vernetzung an, so dass wir die Anliegen unserer Teilnehmenden im face-to-face-chat besprechen konnten - inklusive Bewerbungscoaching und Stellenrecherche.

Aber wir haben auch Teilnehmende, die bereits in Ausbildung sind, angerufen und gefragt: Was können wir für euch tun, welche Unterstützung braucht ihr? Die gleichen Fragen haben wir an die Ausbildungsbetriebe gerichtet, denn wir unterstützen beide Seiten. Hier ging es etwa um Fragen der Kinderbetreuung, weil die Kitas wegen Corona geschlossen sind, oder um die Bezahlung von Auszubildenden bei Kurzarbeit in Folge von Corona. Im telefonischen Kontakt mit dem Arbeitgeber und den Auszubildenden konnten wir immer rasch eine einvernehmliche Lösung finden.

ARBEIT.NRW:

Neben der fachlichen bieten Sie Teilnehmenden auch persönliche Unterstützung an. Wie sah die speziell in Corona-Zeiten aus?

Mariethres van Bürk-Opahle:

Einige der jungen Frauen gerieten aufgrund der situativen Überlastung in eine persönliche Krise, denn zu der Doppelanforderung von Ausbildung und Kinderbetreuung kamen jetzt die Corona-Sorgen bezüglich der Gesundheit, des Alltagsmanagements und der Freizeitgestaltung hinzu.

Weil sich manche dieser Probleme nicht über technische Hilfsmittel allein lösen lassen, haben wir unter strikter Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen und des Sicherheitsabstands auch Treffen im direkten Einzelkontakt verabredet. In solchen Fällen gab es dann etwa im Park ein Geprächstreffen mit einer Teilnehmenden und die Probleme konnten in Ruhe besprochen und gelöst werden. Eigentlich mussten wir bei fast allen eine gewisse emotionale Hilfe leisten, um die Stimmung aufzuhellen. Zum Glück haben wir für solche Fälle psychologisch geschulte Fachkräfte im Haus.

Hilfreich war gewiss auch, dass sich unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen RE/init-Projekten, die etwas für junge Mütter anbieten, ausgetauscht haben. So konnten wir einen wöchentlich erscheinenden Newsletter speziell für TEP-Teilnehmende erstellen. Er enthält Informationen und Materialien zu Möglichkeiten der Notfallbetreuung bei Alleinerziehenden, aber auch zum Thema Entspannung wie etwa Achtsamkeitsübungen oder Yoga für Zuhause sowie Malübungen und Spielideen für Kinder. Darüber hinaus sind darin viele Tipps für den Alltag enthalten, bis hin zum Kochbuch mit einfachen Rezepten, das schon vor Corona-Zeiten eins unserer Projekte für schwer vermittelbare langzeitarbeitslose Jugendliche erstellt hatte. Von den Teilnehmenden haben wir dazu sehr viele positive Rückmeldungen bekommen.

Arbeit.NRW:

Wie gelingt Ihnen in kontaktreduzierten Zeiten die Ausbildungsplatzakquise, einem weiteren Ihrer Arbeitsfelder?

Mariethres van Bürk-Opahle:

Wir haben über Telefonate weiter nach Ausbildungsplätzen gesucht oder für deren Schaffung geworben. So hat eine junge Frau in der Corona-Zeit zwei Bewerbungsgespräche für eine Ausbildung als Rechtsanwaltsfachangestellte geführt, die Entscheidung steht noch aus. Eine andere junge Frau aus Afghanistan hat im Lebensmittelhandel eine Arbeitsprobe erfolgreich absolviert und hat bereits eine mündliche Zusage für eine Ausbildung im Einzelhandel. Doch jetzt in Corona-Zeiten sind die Arbeitgeber mit Einstellungen zurückhaltend, sie warten erst die weitere Entwicklung ab. Hier ist unsere Aufgabe, am Ball zu bleiben, und die Kontakte zum Unternehmen nicht abreißen zu lassen.

Zudem zeigt sich für uns Träger im Programm „TEP“ eine besondere Herausforderung bei der Neubesetzung von Plätzen, wenn vormalige Teilnehmende einen Ausbildungsplatz gefunden haben. Persönliche Vorstellungsgespräche sind nicht möglich. Also haben wir mit einer Interessentin alle Formalien am Telefon geklärt. Immerhin drei neue Teilnehmerinnen konnten wir auf diese Weise auch in der Corona-Krise für das TEP-Projekt gewinnen. 

Arbeit.NRW:

Was meinen Sie: Welche besondere Kompetenz von Trägern wie RE/init ist in solchen Extremsituationen wie der jetzigen von besonderer Bedeutung?

Mariethres van Bürk-Opahle:

Ich glaube, weil wir so viele Projekte für die unterschiedlichsten Zielgruppen haben und entsprechend viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ganz unterschiedlichem Know-how, entsteht ein Schwarmwissen, das wir in Krisensituationen wie jetzt in der Corona-Zeit gezielt zusammenführen können, um ganz neue Ideen und kreative Lösungen zu entwickeln. Für Träger, die schon immer mit begrenzten finanziellen Ressourcen arbeiten müssen, ist Kreativität eine Überlebensstrategie.

Aber der Mehraufwand zahlt sich aus. So werden wir die Materialien, die von den Teilnehmenden zu Hause bearbeitet werden können, auch nach der Corona-Pandemie erstellen und nutzen. Etwa dann, wenn Kinder krank sind und die Mütter zu Hause bleiben müssen. Zudem werden wir künftig allen Teilnehmenden sagen können, welche Programme sie auf ihre Computer und Smartphones laden sollen, damit sie auch von zu Hause aus lernen können. Das ist sicher ein Mehrwert aus Corona-Zeiten, der sich auch mittelfristig positiv auf unsere Arbeit auswirkt.

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