Ausbildung mit Behinderung in Corona-Zeiten – BFW Düren

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Ein Mann steht vor einem Gebäude
Interview

"Aktion 100 zusätzliche Ausbildungsplätze": „Wir haben unsere Begleitung ganz individuell ausgerichtet“

Aktion "100 zusätzliche Ausbildungsplätze für Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung in Nordrhein-Westfalen“, gefördert mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) – Kontaktreduzierte Umsetzung in Düren

Das Berufsförderungswerk Düren unterstützt junge Menschen mit Behinderung bei der Ausbildung. Im Rahmen der Aktion "100 zusätzliche Ausbildungsplätze" gelingt hier unter den erschwerten Bedingungen der Corona-Pandemie eine enge individuelle Begleitung. Kommunikation und Austausch haben sich intensiviert, auf die kommende Öffnungs-Phase ist man gut vorbereitet, berichtet Projektkoordinator Dirk Bachem im Interview.

Arbeit.NRW:

Herr Bachem, das Förderprogramm Aktion "100 zusätzliche Ausbildungsplatze" läuft in Corona-Zeiten weiter. Wie gelingt beim Berufsförderungswerk Düren die „kontaktreduzierte Umsetzung“? Wie haben Sie Ihre Arbeit neu justiert?

Dirk Bachem:

Im Rahmen der Aktion "100 zusätzliche Ausbildungsplätze" haben wir als Berufsförderungswerk einen eindeutigen Unterstützungsauftrag, das ist einfach und schwierig zugleich: Die Berufsschulen kümmern sich um das Fachtheoretische, die Betriebe um das Fachpraktische und wir koordinieren und begleiten da, wo Probleme auftreten, bieten Förderunterricht und ermöglichen sozialpädagogische Unterstützung.

In diesem Zusammenspiel war es mit Beginn des Lockdowns die größte Herausforderung, uns auf Stand zu bringen und die jeweilige Situation der Teilnehmenden zu klären. Schließlich haben wir 32 Auszubildende, alle in verschiedenen Berufen und mit unterschiedlichen kognitiven Fähigkeiten und Handicaps. Das reicht von der Fachpraktiker-Ausbildung im Gartenbau bis hin zum Fachinformatiker oder Industriekaufmann. Auch die betriebliche Ausbildungssituation war und ist bis heute von Betrieb zu Betrieb verschieden.

Unser Vorgehen lässt sich am besten mit ‚individuell und situativ‘ beschreiben. Was macht in der aktuellen Situation am meisten Sinn, wie können wir die Teilnehmenden bei der Stange halten, wie ist die aktuelle Lage im Betrieb? Eine andere wichtige Frage war, welches Lernmaterial stellt die jeweilige Berufsschule auf welchen Kanälen bereit? Hier war die Spanne sehr groß und reichte vom Onlinekurs für die Fachinformatiker-Ausbildung bis hin zur Zustellung der Lernaufgaben per Post. Tatsächlich waren wir sehr gefordert, unser Unterstützungsangebot ganz individuell, an jedem einzelnen Fall auszurichten.

ARBEIT.NRW:

Wie haben Sie die Kommunikation mit den Teilnehmenden aufrechterhalten?

Dirk Bachem:

Ganz überwiegend haben wir mit Telefon und Email Kontakt gehalten. Das hat in der Regel sehr gut funktioniert, für den Stützunterricht wie für die sozialpädagogische Begleitung. Mit regelmäßigen Telefonaten und einer Hotline unserer Sozialpädagogen konnten wir auch diejenigen Teilnehmenden erreichen und auffangen, die unter Angststörungen oder Depressionen leiden.

Für zwei Auszubildende, die im Juni Prüfung haben, haben wir versucht, die Situation möglichst realistisch nachzuspielen. Dazu gehörte es, dass wir ihnen Übungsklausuren per Post zugeschickt haben. Sie mussten den Umschlag öffnen und die Aufgaben dann wie bei einer echten Prüfung in schriftlicher Form innerhalb eines Zeitfensters bearbeiten. Im Fall eines jungen Mannes, der eine Ausbildung zum Fachpraktiker im Gartenbau macht und der mit Email-Kommunikation vollkommen überfordert wäre, haben mit dem Betrieb sogar vereinbart, dass der Auszubildende seine Aufgaben per Fax erhält, im Betrieb bearbeitet und von dort die Unterlagen wieder zurück gefaxt werden. Hier ging es u.a. um das Benennen und Abzeichnen von Pflanzen. Auch das hat geklappt.

ARBEIT.NRW:

Wie hat sich Ihre Arbeit durch die intensive individuelle Betreuung verändert? Welche Erfahrungen nehmen Sie für die Zukunft mit?

Dirk Bachem:

Insgesamt ist sicherlich der Kontakt zu den Auszubildenden, zu den Betrieben, zu den Berufsschulen in den letzten Wochen intensiviert worden. Das ist für mich das absolut Positive. Das individuelle Vorgehen bedeutet zwar mehr Arbeit, im Endeffekt trägt das aber auch dazu bei, dass alle viel stärker an einem Strang ziehen. Jedenfalls haben wir bislang viele positive Rückmeldungen bekommen. Aber ob diese Form der Distanzkommunikation in der Ausbildung und das Lernen im Homeoffice tatsächlich geglückt ist, wird man wohl erst im Nachhinein sagen können. Wir haben jedenfalls das Möglichste getan, dass infolge von Corona niemand mit schlechteren Noten abschließt oder durch die Prüfung fallen muss.

Jetzt bereiten wir uns auf die schrittweise Öffnung des Berufsförderungswerks vor und werden zunächst diejenigen Auszubildenden, die kurz vor der Abschlussprüfung stehen, wieder aufnehmen. Die Räumlichkeiten haben wir ausgemessen und vorbereitet, damit es mit den Abstandsregelungen keine Probleme gibt. Zusätzlich sind Schutzwände in den Klassen eingezogen werden.

Ich glaube, viele Teilnehmende sind froh, wenn sie wieder hierher zurückkommen können. Am meisten freut es mich aber, wenn ich von den Betrieben Rückmeldungen bekomme, dass sich unsere Auszubildenden in der Corona-Krise bewähren. Wenn sie also ihre Motivation, ihren Fleiß, ihren Ehrgeiz und ihre Identifikation mit dem Betrieb zeigen können. Das sehe ich als ein gutes Zeichen für eine spätere mögliche Übernahme. Und darauf kommt es ja schließlich am meisten an, dass für unsere Teilnehmenden die Vermittlung und der Einstieg in den Arbeitsmarkt gelingen.

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