Chance Zukunft - Interview Anke Schürmann-Rupp, Sozialagentur Mülheim a.d.Ruhr

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Foto: Anke Schürmann-Rupp, Sozialagentur (Jobcenter zkT) Mülheim an der Ruhr
Interview

"Entkoppelungstendenzen frühzeitig entgegenwirken" - Erfahrungen der Sozialagentur Mülheim an der Ruhr

Interview mit Anke Schürmann-Rupp, Leiterin der Sozialagentur (Jobcenter zkT) Mülheim an der Ruhr

Sozialagentur Mülheim a.d.Ruhr: Wir werden in Abstimmung mit der Jugendhilfe der Stadt Mülheim eine Maßnahme initiieren, in die unsere Erfahrungen mit dem Ansatz des Modellprojekts einfließen werden. Das heißt: Auch hier wird der Fallzahlschlüssel klein sein, denn alles andere funktioniert nicht. Nur so lassen sich intensive Begleitung, Unterstützung und Coaching gewährleisten. Ziel ist auch hier, die Jugendlichen möglichst früh wieder in das Regelgeschäft zu führen, doch zunächst geht es darum, vorhandene Vermittlungshemmnisse zu minimieren.

ARBEIT.NRW:

Frau Schürmann-Rupp, welche Erfahrungen hat Ihre Sozialagentur mit entkoppelten Jugendlichen gemacht?

Anke Schürmann-Rupp:

Wir mussten feststellen, dass wir als Sozialagentur trotz aller Bemühungen viele „entkoppelte“ Jugendliche mit Maßnahmen und Instrumenten aus dem Regelgeschäft einfach nicht erreichen. Auf Einladungen inklusive Rechtsbelehrung haben sie gar nicht erst reagiert. Weil Sanktionen bei dieser Zielgruppe nicht zielführend sind, war uns klar, dass wir alternative Wege gehen müssen, dass wir die Jugendlichen dort aufsuchen müssen, wo sie leben und wohnen. Das aber können unsere Fallmanager im Arbeitsalltag gar nicht leisten, dazu fehlen uns die zeitlichen und personellen Ressourcen.

Gleichzeitig war uns bewusst, dass uns diese Jugendlichen im worst case irgendwann verloren gehen, wenn wir uns nicht etwas Neues einfallen lassen. Hier tätig zu werden lohnt sich aber schon deshalb, weil gerade bei ihnen aufgrund ihres Alters oft noch die Möglichkeit besteht, das Steuer herumzureißen. Eine konkrete Möglichkeit dazu bot das Projekt „Chance Zukunft“ - und deshalb haben wir uns daran beteiligt.

ARBEIT.NRW:

Was war im Projekt möglich, wozu die Sozialagentur allein nicht in der Lage gewesen wäre?

Anke Schürmann-Rupp:

Hervorzuheben ist vor allem der niederschwellige, pädagogische Ansatz des Projekts mit seiner aufsuchenden und sozialarbeiterischen Arbeit. Es war keine Massen-Maßnahme, in der Jugendliche speziell dieser Zielgruppe sowieso untergehen würden. Das Kolpingwerk Essen, mit dem wir in diesem Projekt zusammengearbeitet haben, hat die Hemmschwelle für eine Kontaktaufnahme bewusst niedrig gehalten, hat WhatsApp-Gruppen initiiert, hat die jungen Menschen zu Hause aufgesucht oder sich mit ihnen an öffentlichen Orten getroffen, im Café zum Beispiel, oder sie zu einem Spaziergang eingeladen, um alle ihre Belange fern jeder klassischen Büroatmosphäre offen und in Ruhe zu besprechen.

Von entscheidender Bedeutung war dabei, dass das Gespräch auf Augenhöhe stattfand. Konkret heißt das: Den Jugendlichen ernst nehmen, egal wie diffus manchmal auch seine Ideen und Vorstellungen sind. Jederzeit war zu bedenken, dass die Jugendlichen fast immer eine problembehaftete Geschichte hinter sich haben mit einschneidenden, teils dramatischen Erlebnissen und Erfahrungen. Erst wenn diese Jugendlichen das Gefühl haben, ernst genommen zu werden, erst wenn Vertrauen entstanden ist, lassen sie sich irgendwann dazu anregen, vielleicht auch mal in eine andere Richtung zu denken oder etwas Neues in Erwägung zu ziehen. Klar ist: Jeder Jugendliche hat Talente - man muss sie  nur finden und das dauert bei dem ein oder anderen einfach ein bisschen länger.

ARBEIT.NRW:

Was ist, über die Kontaktaufnahme hinaus, sonst noch im Projekt gelungen?

Anke Schürmann-Rupp:

Zunächst: Wir dürfen die Tatsache, dass die Kontaktaufnahme gelungen ist, nicht unterschätzen! Sie allein schon ist ein hoher Wert, weil so ein erster Anschluss entsteht, mit dem die Entkoppelung zurückgenommen wird. Damit haben wir es geschafft, alle 21 Personen, die an dem Projekt teilgenommen haben, so weit zu stabilisieren, dass sie wieder in das Regelsystem zurückkehren konnten und wir mittel- oder langfristig unseren gesetzlichen Auftrag, die Vermittlung in Arbeit oder Ausbildung, erfüllen können. Vorteilhaft war dabei sicher der enge Austausch zwischen den Leitungsebenen in unserem Haus und beim Kolpingwerk, wenn es um strategische Entscheidungen ging, aber auch die vertrauensvolle Zusammenarbeit auf der operativen Ebene in regelmäßigen Fallkonferenzen.

ARBEIT:NRW:

Projekte sind zeitlich begrenzt. Wie geht es in Ihrer Sozialagentur weiter im Themenfeld „entkoppelte Jugendliche“?

Anke Schürmann-Rupp:

Der relativ neue Paragraf 16 h des SGB II bietet uns hier eine wunderbare Anschlussmöglichkeit. Wir werden in Abstimmung mit der Jugendhilfe der Stadt Mülheim eine Maßnahme initiieren, in die unsere Erfahrungen mit dem sehr individuellen, niederschwelligen und aufsuchenden Ansatz des Modellprojekts einfließen werden. Das heißt: Auch hier wird der Fallzahlschlüssel klein sein, denn alles andere funktioniert nicht. Nur so lassen sich intensive Begleitung, Unterstützung und Coaching gewährleisten. Ziel ist auch hier, die Jugendlichen möglichst früh wieder in das Regelgeschäft zu führen, doch zunächst geht es darum, vorhandene Vermittlungshemmnisse zu minimieren.

ARBEIT.NRW:

Angesiedelt war das Projekt „Chance Zukunft“ im „U25-Haus“ der Stadt Mülheim. Was charakterisiert die Einrichtung und: Wird auch die Anschlussmaßnahme nach § 16 h SGB II hier verortet?

Anke Schürmann-Rupp:

Das „U25-Haus“ ist seit 2008 eine Einrichtung der Stadt Mülheim zur Unterstützung junger Menschen, oft Schulabgänger, die aus eigener Kraft nicht den richtigen Weg in die Arbeitswelt finden. Das Beratungsteam der Einrichtung arbeitet in drei Säulen: Mit Sozialarbeitern, die den Übergang zwischen Schule und Beruf herstellen, mit dem Vermittlungsservice, der die Stärken von Schülern herausfinden möchte und mit sogenannten Case-Managern, die junge Menschen langfristig betreuen und den Weg in den Beruf begleiten - von der Berufswahlentscheidung über Unterstützung bei persönlichen Problemen bis hin zur Ausbildung. Genau diese Förderketten haben sich als erfolgreich erwiesen.

Auch die Maßnahme nach § 16h SGB II wird im „U25-Haus“ angesiedelt sein, inhaltlich weitgehend identisch mit dem Konzept des Modellprojekts, allerdings mit etwas stärkerer Berücksichtigung berufsbezogener Aspekte. Gespräche über berufliche Perspektiven, und Potenzialanalysen zur Feststellung berufspraktischer Kenntnisse und Fertigkeiten spielen dabei eine Rolle. Das alles aber wird unter Berücksichtigung der spezifischen Verhältnisse dieser Zielgruppe behutsam und ohne Druck geschehen.