Chance Zukunft - Interview Dietmar Gutschmidt/Jobcenter Essen

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Gespeichert von Arbeit.Meding am 21. November 2018
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Interview

"Ganzheitlich denken und in Netzwerken handeln" - Erfahrungen des Jobcenter Essen

Interview mit Dietmar Gutschmidt, Leiter des Jobcenters Essen

Jobcenter Essen: Aufgrund der Erkenntnisse und Erfahrungen mit „Chance Zukunft“ haben wir aus eigenen Mitteln im Rahmen des Zuwendungsrechts Alternativangebote kreiert, für die „Chance Zukunft“ der Impulsgeber war. Eine der Maßnahmen heißt „Easi Ap 2.0“ und bietet über 100 Maßnahme-Plätze für junge Menschen im Leistungsbezug. Auch das Projekt „Rückenwind“ versetzt uns in die Lage, die Grundideen des Projekts „Chance Zukunft“ aufzugreifen. Denn eins ist klar: Menschen, die vollständig aus dem Regelsystem verschwunden sind, sind weiterhin da - nur leben sie jetzt auf der Straße, und das wollen wir ändern.

ARBEIT.NRW:

Herr Gutschmidt, warum hat sich das Jobcenter Essen am Modellprojekt „Chance Zukunft“ beteiligt?

Dietmar Gutschmidt,:

In allen Kommunen, erst recht in Ballungsräumen wie der Großstadt Essen, gibt es eine steigende Zahl junger, arbeitsloser Menschen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren, die an mehreren von uns angebotenen Maßnahmen teilgenommen, sie aber schnell wieder abgebrochen haben. In der Konsequenz wurden sie sanktioniert, bekamen also keine Transfer-Leistungen mehr. Doch da die meisten nicht in intakten Familien leben, die sie auffangen und unterstützen könnten, führen Sanktionen nicht zu einer Verhaltensänderung, im Gegenteil: Meist wird alles nur noch schlimmer.

Wir haben uns deshalb die Fälle genauer angesehen und erkannt: Die meisten jungen Menschen entziehen sich unseren Angeboten nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie nicht können; sei es aufgrund von Lernschwächen, psychischer Beeinträchtigungen oder in Folge von Drogenkonsum oder anderen Suchtproblemen. Schnell war klar: Wir brauchen neue, innovative Formen der Ansprache von Menschen, die den Kontakt zum Regelsystem, zum Jobcenter komplett verloren haben. Genau das ist ein wesentliches Element des vom Land Nordrhein-Westfalen mit ESF-Mitteln geförderten Projekts „Chance Zukunft“. Deshalb haben wir gesagt: Da machen wir gerne mit.

ARBEIT.NRW:

Was war neu am Projekt „Chance Zukunft“, was lief jetzt anders, besser als vorher?

Dietmar Gutschmidt:

Von den jungen entkoppelten Menschen wird das Jobcenter fast automatisch mit Bürokratie und Sanktion in Verbindung gebracht, wirkt also geradezu abschreckend auf sie. Also haben wir einen Träger, das Kolping-Berufsbildungswerk Essen (KBBW Essen), als Mittler dazwischengeschaltet. Unter Berücksichtigung des Datenschutzes haben wir es beauftragt, junge Menschen mit Brüchen in ihrer Biografie in deren Sozialraum aufzusuchen, also dort, wo sie leben. Das ist ein neuer Zugangsweg, der uns als Jobcenter verschlossen ist.

Hier ging es jetzt darum, die einzelnen jungen Menschen nicht vorrangig unter Arbeitsmarkt-Aspekten, sondern als Gesamtperson mit ihren jeweiligen Problemen in den Blick zu nehmen und die Ursachen für ihre Verweigerungshaltung herauszufinden, die fast immer in negativen Erfahrungen der Vergangenheit begründet ist. Es galt also, das aufzuarbeiten, was vorher geschehen ist, um so zum Kern des Problems zu kommen und es zu lösen.  

Vorteilhaft ist hier das Netzwerk an Sucht-, Drogen- und Schuldnerberatungsstellen, das dem Kolping-Berufsbildungswerk zur Verfügung steht und mit dem wir als Jobcenter eng kooperieren, so dass wir rasch Termine vereinbaren, also Zugangswege zum Hilfesystem verkürzen konnten. Außerdem mussten die jungen Menschen nicht allein dort hingehen, sondern wurden von Mitarbeitern des KBBW begleitet, der damit signalisierte: Du bist nicht allein, ich bin dein Partner, wir machen das zusammen. Zugute kam dem KBBW dabei der großzügige Personalschlüssel, den das Land in diesem Projekt fördert. Er erlaubt, dass sich der Träger sehr intensiv um jeden Einzelnen kümmern kann. Das neue Vorgehen zeigte schnell eine positive Wirkung: Wir konnten rund die Hälfte der jungen Menschen, die für das Projekt in Frage kamen, erreichen, die wir sonst vermutlich verloren hätten.

ARBEIT.NRW:

Wie lange hat es gedauert, bis gezielt erste Schritte in Richtung Arbeitsmarkt möglich waren?

Dietmar Gutschmidt:

Offen gesagt: Das hat schon lange gedauert. Aber das ist angesichts der komplexen Problemlage in jedem Einzelfall kaum verwunderlich. Das war uns von vornherein klar, und deshalb waren die Themen Beruf und Ausbildung anfangs sekundär. Wir haben uns nicht auf Eingliederungsquoten fokussiert. Aus gutem Grund, denn es hat keinen Sinn, zu früh in Ausbildung zu vermitteln. Damit wären neue Misserfolge vorprogrammiert und Misserfolge sind immer demotivierend. Das würde die jungen Menschen und auch unsere Bemühungen wieder zurückwerfen.

Viel aussichtsreicher ist ein kleinschrittiges Vorgehen, bei dem am Anfang der Aufbau von Vertrauen steht. Erst wenn das in einem langwierigen Prozess gelungen ist, wenn die Kernprobleme gelöst sind, kann der Träger versuchen, etwa mittels Arbeitserprobungen etwas über die Fähigkeiten, Neigungen und Interessen der jungen Menschen herauszufinden. Da ist das Kolping-Berufsbildungswerk mit seinen eigenen Werkstätten und Ausbildungsangeboten gut aufgestellt. Hier können die jungen Menschen verschiedene Berufsfelder und Gewerke kennenlernen, können Einblick gewinnen in die berufliche Praxis, aber auch in ihre Stärken.

Das ist unverzichtbar, denn sie müssen erst selbst erfahren, dass sie etwas können, dass sie viel mehr Möglichkeiten haben, als sie bislang meinten und zugleich erkennen: Da gibt es Menschen, die mich unterstützen und fördern. Sie haben das Projekt nicht als Maßnahme empfunden, sondern - genau so, wie es das Land Nordrhein-Westfalen als Projektgeber beabsichtigt hat - als Chance. Das war die Brücke zum Jobcenter und damit in die weitere berufliche Entwicklung: Wir waren, wenn auch meist eher im Hintergrund, immer dabei, etwa dann, wenn es um konkrete Hilfe- und Entwicklungspläne ging. So konnten wir viele der Teilnehmenden in Arbeit, Ausbildung oder in weiterführende Maßnahmen vermitteln.

ARBEIT.NRW:

Als das Projekt verlängert wurde, haben Sie die Zahl Ihrer Teilnahmeplätze von zwanzig auf fünf reduziert. Warum?

Dietmar Gutschmidt:

Uns war klar, dass es sich um ein befristetes Modellprojekt handelt. Da aber die Konzeptidee - wie der weitere Verlauf ja auch beweisen sollte - sehr gut war, haben wir aufgrund der Erkenntnisse und Erfahrungen mit „Chance Zukunft“ frühzeitig aus eigenen Mitteln im Rahmen des Zuwendungsrechts Alternativangebote kreiert, für die „Chance Zukunft“ der Impulsgeber war. Eine der Maßnahmen heißt „Easi Ap 2.0“ und bietet über 100 Maßnahme-Plätze für junge Menschen im Leistungsbezug, wobei eine enge Kooperation mit der Jugendberufshilfe der Stadt Essen stattfindet.

Als das Modellprojekt im Jahr 2018 noch einmal verlängert wurde, wollten wir uns wenigstens mit fünf Plätzen weiter beteiligen. Jetzt haben wir zwei Parallelangebote mit dem gleichen Konzept, aber mit Unterschieden bei der operativen Umsetzung, so dass wir ein bisschen experimentieren und dann vergleichen können, wie das optimale Vorgehen aussehen muss.

Neben „Easi Ap 2.0“ haben wir noch ein weiteres Angebot namens „Rückenwind“. Hilfreich war hier insbesondere der neue § 16 h im SGB II. Er versetzt uns in die Lage, die Grundideen des Projekts „Chance Zukunft“ aufzugreifen und Menschen aufzusuchen, die komplett raus sind aus dem Regelsystem, aber Perspektiven haben, Leistungsempfänger zu werden. Denn eins ist klar: Menschen, die vollständig aus dem Regelsystem verschwunden sind, sind weiterhin da - nur leben sie jetzt auf der Straße, und das wollen wir ändern.

ARBEIT.NRW:

Gab es - neben den neuen Angeboten - weitere Veränderungen in Folge des Modellprojekts?

Dietmar Gutschmidt:

Ja, wir haben unser komplettes Angebot analysiert und kamen zum Ergebnis: Wir müssen zusammen mit unseren Partnern die Regelangebote attraktiver gestalten. Nur ein Beispiel: Es hat keinen Sinn, jungen Menschen, die mit Schule ausschließlich Negativ-Erfahrungen assoziieren, eine Maßnahme anzubieten, die zwanzig Stunden Unterricht umfasst. Also verpflichten wir die mit uns kooperierenden Träger, ihre Angebote interessanter zu gestalten und zum Beispiel mehr Projektarbeit zu integrieren, damit die jungen Menschen Gelegenheit bekommen, sich zu entfalten und am Ende auch ein Ergebnis, ein konkretes Produkt vor sich sehen.
 
Parallel dazu war uns wichtig, ein Umdenken bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern herbeizuführen, eine andere Haltung zu erzeugen. Statt der allzu simplen Schlussfolgerung: „Wer nicht kommt, wird bestraft“, sollte eine Beratungsmentalität entstehen, bei der nicht Sanktionen am Ende stehen, sondern die Frage: Warum verweigert sich eine Person? Hilfreich sind dabei unsere Beratungsstelle „Support“ für junge Menschen mit psychischen Erkrankungen sowie Schulungen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um psychische Auffälligkeiten junger Menschen früh erkennen zu können.

ARBEIT.NRW:

Ein Blick in die Zukunft: Was wird - muss - sich zukünftig noch ändern?

Dietmar Gutschmidt:

Unsere Gesellschaft hat sich geändert, also müssen auch wir uns wandeln. Ich bin überzeugt, dass wir als zugelassener kommunaler Träger der Stadt Essen eine sozial- und gesellschaftspolitische  Verantwortung tragen für Menschen, die ihr Leben ohne Unterstützung nicht in den Griff bekommen.

Wir wollen auf Menschen zugehen, um sie durch SGB-Leistungen wieder ins Grundsicherungssystem zu überführen, um schließlich Wege in Ausbildung und Arbeit zu finden. Das können wir nicht allein, dazu brauchen wir Partner. Also müssen wir sehr viel stärker in Netzwerken denken. Unsere Rolle als Jobcenter ist es, die Netzwerke aufzubauen, situationsgerecht zu agieren und die jungen „entkoppelten“ Menschen ganzheitlich und nicht nur mit Blick auf den Arbeitsmarkt wahrzunehmen, so wie in unserer Jugendberufsagentur, die Leistungen und Angebote aus verschiedenen Rechtskreisen bündelt. Was den ganzheitlichen Ansatz betrifft, stehen wir nicht am Ende, sondern eher am Beginn unserer Arbeit.