Arme und von Ausgrenzung bedrohte Menschen in Corona-Zeiten

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Koordinatoren des Projekts

In Corona-Zeiten besonders im Blick: Arme und von Ausgrenzung bedrohte Menschen

Die Corona-Pandemie trifft Menschen in prekären Lebensverhältnissen besonders stark. Darunter sind Kinder, Obdachlose, Ältere sowie Menschen, die trotz Arbeit an oder unter der Armutsgrenze leben. Ihre Lebenssituation genauer in den Blick zu nehmen und Lösungsstrategien für ihre durch Corona zusätzlich verschärfte Lage zu entwickeln, war Ziel einer mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds geförderten Tagung des Netzwerks Armutsprävention.

Die Pandemie als Brennglas auf Armutslagen in NRW - Tagung des Netzwerks Armutsprävention

Arme und von Ausgrenzung bedrohte Menschen stehen in Nordrhein-Westfalen nicht allein. Auf Landesebene, aber auch in den Regionen und Kommunen gibt es eine Reihe öffentlicher und privater Unterstützungsangebote für sie. Das Problem: Die Angebote sind nicht immer gut aufeinander abgestimmt und einige brachen in der Corona-Pandemie kurzfristig sogar völlig weg.  

„Die Pandemie als Brennglas auf Armutslagen in NRW“ lautete deshalb der Titel einer Tagung des Netzwerks Armutsprävention am 20. August 2020 in Essen. An den regelmäßigen Netzwerktreffen beteiligen sich rund 20 Institutionen, Gesellschaften, Behörden und Verbände, darunter das MAGS NRW, das MKFFI NRW sowie Landesarbeitsgemeinschaften der Freien Wohlfahrtspflege.

Koordiniert wurde die Tagung von der Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.). Dr. Frank Nitzsche, Leiter des ESF-geförderten Projekts „Armutsbekämpfung und Sozialplanung“ in der G.I.B. und seine Kollegin Susanne Marx konkretisieren Anlass und Ziel der Veranstaltung so: „Die Pandemie schafft neue Herausforderungen, unter denen Menschen in prekären Lebensverhältnissen besonders leiden. Zugleich offenbart sie strukturelle Defizite und Angebotslücken. Zur Armutsprävention und Armutsfolgenbearbeitung bedarf es eines regelmäßigen Austauschs der Akteure auf Landesebene, die sich gegenseitig über die vielfältigen Anforderungen und notwendigen Angebote für die Zielgruppen informieren und relevante Entwicklungen reflektieren.“

Ziel sei zudem, Transparenz über die umgesetzten Projekte, Initiativen und Programme in den 427 Kommunen NRWs herzustellen. Das würde Trägern erlauben, sich auf Landes- und kommunaler Ebene besser abzustimmen, die präventiven Angebote zur Armutsbekämpfung zu vernetzen und gemeinsame Strategien zu entwickeln - zum Wohl der betroffenen Menschen und der Lebensqualität insgesamt in NRW.

Wegbrechen der existenziellen Grundversorgung

Eindringlich zeigten die Berichte der Tagungsteilnehmenden, wie massiv sich die Corona-Pandemie auf sowieso schon benachteiligte, von Armut betroffene oder bedrohte Menschen auswirkt: Beengte Wohnverhältnisse schränken die Spielmöglichkeiten kleiner Kinder, die über Wochen keinen Kindergarten, keine Schule besuchen konnten, erheblich ein. Da sie und ihre Familien oft in benachteiligten Quartieren leben, fehlt ihnen zugleich oft der Anschluss an eine bedarfsdeckende soziale Infrastruktur.

Nicht minder problematisch sind die Auswirkungen fehlender Ressourcen. Das zur Verfügung stehende Geld reicht einfach nicht, um Kinder und Jugendliche dieser Haushalte mit Computern oder Tablets auszustatten, die für den Schulunterricht oder für das Erlernen der deutschen Sprache unerlässlich sind. W-LAN bzw. ein heimischer Internetzugang gehören für diese Zielgruppen keineswegs zur Standardausstattung. Besonders stark betroffen vom Lockdown waren wohnungslose Menschen sowie Personen mit sehr geringem oder gar keinem Einkommen, da Obdachlosenunterkünfte und die von Ehrenamtlichen betriebenen Tafeln geschlossen blieben.
„Wir lesen in Medien und wissenschaftlichen Berichten oft Zahlen und Daten zu Obdach- und Arbeitslosenstatistiken“, sagt Wolfgang Kopal vom MAGS NRW und Teilnehmer der Tagung, „doch die Corona-Pandemie rückt die individuellen Schicksale, die Vielzahl an Einzelfällen in den Fokus. Erschreckend zu sehen war, welche gravierenden Folgen das plötzliche Wegbrechen grundlegender Hilfen wie die Versorgung mit Obdach für Betroffene hat.“

Yvonne Niggemann und Heike Moerland vom Arbeitsausschuss Armut und Sozialberichterstattung der Freien Wohlfahrtspflege NRW wiesen auf die Überforderung und Ängste der Menschen durch den Lockdown hin: „Nach dem temporären Wegfall der Beratungs- und Unterstützungsstrukturen und der totalen Schließung der Ämter konnten Leistungsbeziehende plötzlich keine Anträge mehr stellen und damit ihre Existenz nicht mehr sichern. Für viele von ihnen eine totale Überforderung“. Nach Ansicht von Nina Schadt vom Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (MKFFI) dokumentiert allein „die große Zahl der Kinder und Familien, die vorübergehend ohne Kindertagesbetreuung waren, die Dimension der Herausforderungen.“

Den Herausforderungen begegnen

Beeindruckt zeigten sich die Teilnehmenden von der Kreativität und dem solidarischen Engagement der professionellen Akteure im Handlungsfeld der Armutsbekämpfung gleich nach Beginn der Corona-Pandemie, so auch Yvonne Niggemann und Heike Moerland von der Freien Wohlfahrtspflege NRW: „Sehr schnell wurde die Beratung digital, aus Fenstern und Türen oder geschützt durchgeführt“. Auch Nina Schadt vom MKFFI lobt die rasche Verlagerung von Angebotsstrukturen etwa der Frühen Hilfen für 0- bis 3jährige Kinder in den virtuellen Raum als positives Beispiel.

Doch trotz der vielen kreativen und engagierten Hilfen, fasst Frank Nitzsche die Ergebnisse der Tagung zusammen, bleibt noch viel zu tun. Für ihn und die anderen Netzwerkangehörigen ist klar: „Wir müssen die Unterstützungsangebote quantitativ und qualitativ weiterentwickeln, müssen stärker dezentralisieren und mehr Beratungsangebote schaffen, um Menschen in Krisensituationen besser helfen zu können. Zudem müssen wir die bislang oft parallellaufenden Förderangebote besser miteinander verknüpfen.“

Bei der Benennung allgemeiner Ziele beließen es die Tagungsteilnehmenden indes nicht. Sie nannten konkrete Beispiele, was geändert werden muss. Susanne Marx: „Aufsuchende Arbeit bzw. niederschwellige Angebote im öffentlichen Raum sollten zu einer Selbstverständlichkeit werden, die professionelle Begleitung von Selbsthilfeangeboten und Ehrenamt müsste ausgebaut, dezentrale Unterstützungsangebote müssten erhalten und weiterentwickelt werden. Darüber hinaus sollten Kindern und Jugendlichen aus Familien in prekären Lebensverhältnissen Coaching- oder Beratungsangebote zur Stärkung ihrer Handlungsfähigkeit gemacht werden, damit sie die benachteiligenden sozialen Situationen überwinden können.“

Ein anderes konkretes Beispiel ist die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Computern und Tablets, also einer digitalen Grundausstattung - verbunden mit einer Steigerung ihrer Kompetenz und Fähigkeit, sich mit den modernen Medien auseinanderzusetzen.

Vertiefte Zusammenarbeit

Armutsprävention muss, darin ist sich das Netzwerk einig, immer auch die gesamte Gesellschaft im Blick behalten. „Armutsgefährdet sind viel mehr Menschen als mancher denkt“, ist Dr. Frank Nitzsche überzeugt. „Deutlich wird das etwa am Umfang der Kurzarbeit, von der erhebliche Teile der Bevölkerung betroffen sind.“ Zugleich muss der Fokus auf Menschen gerichtet werden, die es besonders schwer haben, in einer Ausnahmesituation wie der Corona-Pandemie zurechtzukommen.

Die Tagung des Netzwerks war nur der erste Schritt. Jetzt geht es um eine vertiefte Zusammenarbeit bei der Entwicklung und Umsetzung von Programmen zur Armutsbekämpfung und Armutsprävention. Ein Diskussionspapier dazu, basierend auf den Erkenntnissen und Ergebnissen der Tagung, legt das Netzwerk in Kürze vor.

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