Interview mit Betriebsrat Erich Bullmann

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Interview

Arbeit 4.0. "Wer sich nicht qualifiziert, verliert den Arbeitsplatz"

Kompetenzentwicklung als Motor für soziale Innovation - Interview mit Betriebsrat Erich Bullmann

Erich Bullmann, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, begleitete einen weitreichenden Veränderungs- und Qualifizierungsprozess bei der TRILUX GmbH in Arnsberg. Als Berichterstatter informierte er auf der Betriebsrätekonferenz 2015. Im Interview erläutert er Umsetzungserfahrungen und benennt zentrale Aspekte zum Thema Qualifizierung und Arbeit 4.0.


Beteilungsorientierter Umbauprozess gelang ohne Entlassungen

  • Die TRILUX GmbH & Co. KG ist ein Hersteller für technische Beleuchtung mit weltweit rund 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, am Firmensitz und Standort Arnsberg sind 1.400 beschäftigt. Die TRILUX zählt damit zu den wichtigsten Arbeitgebern in der Region. Im Unternehmen begann ab 2011 ein weitreichender Umbau- und Qualifizierungsprozess, in dem alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Möglichkeit hatten, sich weiter zu qualifizieren.
  • Geschäftsführung, Betriebsrat und IG Metall haben den Prozess intensiv und beteiligungsorientiert begleitet. Die Zustimmung in der Belegschaft war groß und es gelang, alle Beschäftigten am Standort zu halten. Niemand musste entlassen werden.
  • Der aktuelle Tarifvertrag sichert für alle Beschäftigten weiterhin die Teilnahme an Qualifizierungsmaßnahmen zu. Für die Durchführung wurde eine betriebseigene Fortbildungsakademie vereinbart und 2011 gegründet.

ARBEIT.NRW:

Herr Bullmann, als Betriebsratsmitglied haben Sie in den vergangenen Jahren einen weitreichenden Veränderungs- und Qualifizierungsprozess begleitet. Ist die TRILUX jetzt in der Industrie 4.0 angekommen? Welche Rolle spielt die Qualifizierung, wenn sich Produkt, Produktion und Arbeitsinhalte verändern?

Erich Bullmann:

Erich Bullmann: Wir sind vielleicht auf dem Weg zu einer Industrie 4.0, aber das ist ein schleichender Prozess: Man legt nicht einfach den Schalter um und dann hat man Industrie 4.0. Bei uns gingen die Veränderungen eher von dem Produkt aus, bedingt durch den technologischen Wandel von der konventionellen, analogen Beleuchtung zur digital gesteuerten LED-Beleuchtung. Das hat zu weitreichenden Veränderungen in der Produktion geführt und hatte folglich auch weitreichende Auswirkungen auf die Arbeitsplätze. Montage, Vertrieb, Konstruktion bis hin zum Einkauf – kaum ein Arbeitsinhalt blieb verschont. Im Laufe dieses Prozesses ist die TRILUX von einem blechverarbeitenden Betrieb zu einem Elektronikhersteller geworden.

In der Fertigung sind wir heute sehr modern aufgestellt. Aber mit Blick auf eine Industrie 4.0 geht es vor allem um die intelligente Vernetzung der Anlagen untereinander, da stehen wir bestenfalls am Beginn.

Ab 2011 hat der Technologiewandel zur LED-Leuchte richtig Fahrt aufgenommen. In dieser Situation standen wir als Betriebsrat vor der Anforderung, die Belegschaft hinreichend zu qualifizieren, zumal unser Tarifvertrag betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen hat.

Um Beschäftigung zu sichern, so unsere Überlegung, wollen wir die Belegschaft umfassend qualifizieren und fit machen für die neuen Arbeitsanforderungen. Im Umbau-Prozess kam der Qualifizierung also eine sehr zentrale Bedeutung zu. Wir haben nicht nur alle Beschäftigten halten können, sondern es gelang auch, die Bindung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an das Unternehmen zu festigen und insgesamt die Arbeitszufriedenheit zu erhöhen.

ARBEIT.NRW:

Im Vorfeld spielte Vertrauensbildung eine große Rolle. Wie gelang anschließend die konkrete Durchführung der Qualifizierungsmaßnahmen?

Erich Bullmann:

In den sehr offenen Qualifizierungsbedarfsgesprächen mit den Vorgesetzten wurden konkrete Qualifizierungsmaßnahmen vereinbart, pro Mitarbeiter oder Mitarbeiterin umfassten sie zunächst zwei Tage im Jahr, heute ist es mindestens ein Tag. Die einzelne Qualifizierung konnte aber auch deutlich darüber liegen. So haben wir einem 50-jährigen Mitarbeiter, der in der Montage seinen Arbeitsplatz verloren hat, eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik ermöglicht. Bis auf eine Handvoll von Mitarbeitern, die demnächst in Rente gingen und abgewunken haben, ist es gelungen, die gesamte Belegschaft zu qualifizieren. Das Angebot ist auf sehr viel Zustimmung gestoßen, auch weil allen klar war: Wer sich nicht qualifiziert, verliert seinen Arbeitsplatz.

Die Qualifizierungsmaßnahmen laufen kontinuierlich weiter und werden über die TRILUX-Akademie organisiert und durchgeführt. Mit Beginn der ersten großen Qualifizierungsrunde wurde die Akademie 2011 gegründet und ist damit auch ein Ergebnis des gesamten Umbau- und Qualifizierungsprozesses bei der TRILUX am Standort Arnsberg.

ARBEIT.NRW:

Wohin haben die Qualifizierungen geführt, wo stehen die Mitarbeitenden, die Belegschaft heute?

Erich Bullmann:

Wir haben niemanden entlassen müssen! Wir haben Leute aufbauen, qualifizieren können von Montagetätigkeiten hin zu Vertriebstätigkeiten oder von einfachen Metallarbeitsplätzen hin zu aufwendigen Montage-Arbeitsplätzen. Das ging manchmal querbeet. Wir haben keine pauschalen, sondern viele individuelle Lösungen gefunden. Und wir haben auch niedrig Qualifizierte mitnehmen können, die sich über die Gespräche und Schulung mitgenommen fühlten und häufig erstmals Wertschätzung erfahren haben.

ARBEIT.NRW:

Wie bewerten Sie das Zusammenspiel von Geschäftsleitung und Betriebsrat? Welche Rolle hatten Sie als Betriebsrat, sehen Sie sich als Innovationstreiber?

Erich Bullmann:

Zum Thema Qualifizierung hatten wir schnell Einigkeit mit der Geschäftsführung und auch über die Akademie mussten wir nicht lange verhandeln. Die Notwendigkeit wurde von allen gesehen, nicht zuletzt deswegen, weil es schwierig ist, Fachkräfte ins sauerländische Arnsberg zu holen. Man muss auch die Nägel nehmen, die man hat.

Als Betriebsrat haben wir im Qualifizierungsprozess sehr darauf geachtet, die Maßnahmen beteiligungsorientiert umzusetzen, die Interessen und das Feedback der Kolleginnen und Kollegen einzubringen. Dadurch haben wir viel Vertrauen geschaffen, was sicherlich ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg war.

Wir waren daher sicher ein Innovationstreiber, aber die Lorbeeren können wir uns nicht allein einstecken. Insgesamt haben wir gerade ein sehr offenes Klima zwischen den Betriebsparteien und erfahren auch über die Gewerkschaft jede Unterstützung, die wir benötigen.

ARBEIT.NRW:

Gute, faire Arbeit 4.0 – welchen Ausblick geben Sie vor dem Hintergrund Ihrer jetzigen Erfahrungen?

Erich Bullmann:

Am wichtigsten ist nach unseren Erfahrungen die Beteiligungsorientierung bei allen Prozessen. Es bewährt sich, die Belegschaft mitzunehmen, auch bei kleinsten Änderungen, auf das Erfahrungswissen der Kollegen und Kolleginnen zu bauen und kritische Stimmen nicht wegzuschieben. Nicht zuletzt dadurch haben wir über Fertigungsabläufe neue gravierende Kenntnisse bekommen, die auch den Theoretikern hier im Hause nicht bewusst waren.

Arbeit 4.0, da stehen wir wirklich erst ganz am Anfang. Es ist ja eigentlich ein Kunstbegriff und man kann nicht in einen Zulieferkatalog schauen und sich für den eigenen Betrieb Arbeit 4.0 bestellen. Insofern ist das schwer zu beantworten. Im Moment haben wir alles, was wir brauchen. Aber der Prozess geht weiter und wir wissen nicht wirklich, was kommen wird.

Für eine gute, faire Arbeit 4.0 würde ich mir als Betriebsrat vor allem weiterreichende Mitbestimmungsrechte wünschen. Zum Beispiel beim Outsourcing oder der konkreten Gestaltung der Arbeitsplätze, Stichwort Arbeitsverdichtung. Zwar sind wir bei diesen Themen eingebunden und der Arbeitgeber muss uns anhören, aber ein konkretes Mitbestimmungsrecht haben wir nicht. Jedenfalls nicht so konkret, wie ich mir das vorstelle, um aktiv mitgestalten zu können. Wenn Arbeit humaner werden soll, gibt es noch viel zu tun.