Betriebsrätekonferenz Arbeit 4.0

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Foto: Eine Frau aus dem Publikum hält Mikrofon

Wie können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die Digitalisierung der Arbeitswelt mitgestalten?

Betriebsrätekonferenz 2015 thematisiert den Wandel in der digitalisierten Arbeitswelt

Zum Thema "Industrie 4.0 – Arbeiten 4.0" hat das NRW-Arbeitsministerium erstmalig zu einer Betriebsrätekonferenz eingeladen und damit den Auftakt zu einem breit angelegten gesellschaftlichen Dialog gestartet. Rund 500 Teilnehmende, neben Verbands- und Gewerkschaftsvertretern vor allem Betriebsrätinnen und Betriebsräte, kamen zur Veranstaltung nach Düsseldorf.

Betriebsrätekonferenz 2015 - Den Wandel in der digitalisierten Arbeitswelt selbstbewusst mitgestalten

Digitalisierung und elektronische Vernetzung verändern die Arbeitswelt unaufhaltsam. Wie die Herausforderungen für Belegschaften und Betriebe zu meistern sind, damit beschäftigte sich die Betriebsrätekonferenz "Digitalisierung – Vernetzung – Arbeit 4.0" am 22. Juni 2015 in Düsseldorf. Der Einladung des NRW-Arbeitsministeriums waren rund 500 Gäste gefolgt, neben Verbands- und Gewerkschaftsvertretern nahmen vor allem Betriebsräte und Betriebsrätinnen teil. Die Veranstaltung ist Auftakt zu einer Reihe von Diskussionsveranstaltungen, um zusammen mit den Sozialpartnern Strategien für den digitalen Wandel in NRW zu erörtern und zu entwickeln.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Frage: Wie können Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die Digitalisierung der Arbeitswelt in ihrem Interesse mitgestalten? Denn viele sind skeptisch mit Blick auf die sogenannte vierte industrielle Revolution, in der über digitale Vernetzung von Produktion und Vertrieb Arbeitsprozesse neu organisiert werden, mit immer leistungsfähigeren IT-Systemen, einer hochentwickelten Robotik und Sensorik, 3-D-Druckern, Clouds und Big Data.

Nordrhein-Westfalen gestaltet Arbeit 4.0

"Die Digitalisierung der Arbeitswelt muss im Dienste der Menschen stehen. Deshalb ist es wichtig, dass wir den Wandel gemeinsam mit Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, Betriebsräten und Gewerkschaften mitgestalten", so lautet der Appell der Landesregierung an die teilnehmenden Betriebsrätinnen und Betriebsräte.

Das Land bietet hierzu einige Unterstützungsangebote, welche auf dem Kongress vorgestellt wurden. Vor allem mit dem ESF-geförderten Instrument der Potentialberatung steht kleinen und mittleren Unternehmen ein bewährtes Förderangebot zur Verfügung, um sich auch bei der Digitalisierung von Produktions- und Dienstleistungsprozessen beraten zu lassen. Darüber hinaus wurde ein Pilotprojekt mit der IG Metall, der IG BCE, der NGG und dem DGB NRW angekündigt, bei dem Betriebsrätinnen und Betriebsräte in ausgewählten Unternehmen bei der Bewältigung von Umbruch- und Veränderungsprozessen begleitet werden. Die gewonnen Erfahrungen werden so aufbereitet, dass auch andere davon profitieren können und gute Perspektiven für Industriearbeit in NRW geschaffen werden.

Da Arbeit 4.0 nur mit einer funktionierenden Sozialpartnerschaft erfolgreich gelingen wird, will die Landesregierung die Sozialpartner zu einer "Allianz Wirtschaft und Arbeit 4.0" einladen, um in NRW die Veränderungsprozesse in einer digitalisierten Arbeitswelt aktiv zu begleiten. Neben dem Arbeitsministerium sind insbesondere die Ministerien für Wirtschaft und Wissenschaft beteiligt.

Soziale Innovationspolitik für die Industrie 4.0 – Vortag Prof. Daniel Buhr

Anhand von zehn Thesen und mit Blick auf das derzeit intensiv diskutierte Label „Industrie 4.0“ skizzierte Professor Daniel Buhr von der Universität Tübingen Aufgaben für die Innovationspolitik. Grundlage seiner Ausführungen ist eine Studie, die im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt wurde und Ansätze für eine Innovationspolitik bei der Einführung von Industrie 4.0 –Systemen aufzeigt.

Noch sei Industrie 4.0, also die digitalisierte und vernetzte Produktion – vor allem eine Vision, betonte Professor Buhr in seinem Vortrag. Doch der weltweite Wettlauf um die besten Ideen und erfolgreichsten Konzepte habe längst begonnen. Lösungen werden vor allem in der Technik gesucht, dabei spiele aber gerade der Mensch im Innovationsprozess eine wichtige Rolle als Mitgestaltender. "Wer Industrie 4.0 will, sollte sie vor allem als eine soziale Innovation begreifen", lautete seine zentrale These.

Industrie 4.0 sei als Zusammenspiel von technischen und sozialen Innovationen zu begreifen. Notwendig sei ein systemisches Verständnis von Innovationspolitik, das nicht nur die Politik einschließt, sondern auch die Unternehmen und Gewerkschaften, die Gesellschaft und die Wissenschaft. Nur wenn solche Prozesse ressortübergreifend und interdisziplinär ablaufen, könne gewährleistet werden, dass technische Innovationen tatsächlich auch einen Beitrag zur Entwicklung des sozialen Fortschritts leisten.

Podiumsdiskussion: Landesregierung im Gespräch mit Gewerkschaft und Arbeitgeber

Auf dem Podium diskutierten Vertreter der Landesregierung zusammen mit Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall Nordrhein-Westfalen, Arndt Kirchhoff, Präsident des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie Nordrhein-Westfalen, und Professor Daniel Buhr. Sie loteten die Chancen und Risiken aus und benannten Rahmenbedingungen für gute, faire Arbeit in einer digitalisierten Wirtschafts- und Arbeitswelt.

So seien insbesondere Betriebsräte und Belegschaften frühzeitig einzubeziehen und zu qualifizieren, nicht zuletzt um bestehenden Ängsten und Vorbehalten zu begegnen. Betriebsräte, so machte IG-Metall-Chef Knut Giesler deutlich, müssten dafür nicht nur transparent informiert werden, sondern auch Gestaltungsmöglichkeiten an die Hand bekommen. "Unser Werkzeugkasten, den wir als Betriebsräte haben, muss dafür aber neu bestückt werden." Arbeitgeberpräsident Arndt Kirchhoff betonte vor allem die Chancen für NRW, die in einer Industrie 4.0 liegen. Dafür sei nicht nur ein flächendeckender Breitbandausbau notwendig. "Unternehmen haben vor allem auch auf ihr wichtigstes Gut, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, zu achten."

Einig war man sich darin, Veränderungen in der digitalisierten Arbeitswelt eng zu begleiten und aktiv die Chance zum Mitgestalten für neue und vor allem gute und sichere Arbeitsplätze in einer Industrie 4.0 zu ergreifen. Gewerkschafts- und Arbeitgebervertreter begrüßten die Initiative des Landes und betonten ihre Kooperationsbereitschaft.

In drei Fachforen gab es anschließend Gelegenheit zum intensiven Fach- und Erfahrungsaustausch. Vertreterinnen und Vertreter aus der betrieblichen Praxis und Expertinnen und Experten aus Gewerkschaft und Wissenschaft gaben kurze Impulsbeitrage zu den Themen Mitbestimmung, Qualifizierung und Arbeitsorganisation.

Forum 1 – Mitbestimmung 4.0

Wie kann in einer Industrie 4.0 Mitbestimmung erfolgreich funktionieren und umgesetzt werden, welche neuen Beteiligungsformen auch jenseits des Betriebsverfassungsgesetzes sind erforderlich - aber auch: Wo liegen die Grenzen und wo die Chancen? Welche Rolle und welche Wechselwirkung ergeben sich im konkreten Zusammenspiel von Unternehmenskultur und gesetzlichen oder betrieblichen Regelungen? Welche Unterstützung brauchen Betriebsrätinnen und Betriebsräte? Mit diesen Leitfragen beschäftigte sich das Forum 1, das von Jürgen Grumbach, TBS NRW, moderiert wurde.

Über gelebte Beteiligungskultur berichtete Uta Reinhard, Vorsitzende des Betriebsrats der Phoenix Contact GmbH & Co. KG. Sie schilderte aus der Praxis Aufgaben und Chancen der Betriebsratsarbeit, die sich im Zusammenhang mit Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 ergeben.

Bei Phoenix habe der Betriebsrat selbst die Initiative ergriffen und Geschäftsführung und Beschäftigte zu Gesprächen über die Digitalisierung im Betrieb und die aktive Mitgestaltung durch die Belegschaft eingeladen. Die große Bandbreite an Herausforderungen und Tätigkeiten – von den Qualifizierungsanforderungen über Datenschutz, Einführung neuer Technologie und Software, bis hin zu Arbeitszeitengestaltung und Zusammenarbeit von örtlichen und Gesamt-Betriebsrat – zeige die Grenzen traditioneller Betriebsratsarbeit an. „Die Betriebsratsarbeit verändert sich“, konstatierte Uta Reinhard und formulierte als Zukunftsforderung: "Wir benötigen einen Betriebsrat 4.0! Wir brauchen Unterstützung und Beratung und wir müssen uns selbst qualifizieren. Sonst können wir Arbeit.0 nicht stemmen."

  • Auf dem Podium diskutierten: Prof. Dr. Daniel Buhr, Eberhard Karls Universität Tübingen, Institut für Politikwissenschaft; Anja Weber, Landesschlichterin NRW; Uta Reinhard, Betriebsratsvorsitzende, PHOENIX CONTACT Deutschland GmbH; Dr. Viola Denecke, Stellvertretende Landesbezirksleiterin, IG Bergbau, Chemie, Energie Nordrhein

Forum 2 – Qualifizierung 4.0

Wie kann eine neue Weiterbildungskultur etabliert werden, welche (neuen) Berufsfelder und welche betrieblichen und tarifpolitischen Instrumente und Formen sind in einer digitalisierten Arbeitswelt notwendig - vor allem aber: Wie sieht die betriebliche Realität aus und wie kann eine neue betriebliche Weiterbildungskultur etabliert und gelebt werden? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Forums 2, das von Roland Matzdorf, Abteilungsleiter im Arbeitsministerium, moderiert wurde.

"Wir stehen erst am Beginn einer langen Reihe von Diskussionen. Heute ist uns wichtig, von Ihnen zu hören, welche Fragen, welche Herausforderungen es gibt", so der Vertreter des Ministeriums in seiner Einleitung. Dabei ermunterte er die Teilnehmenden, das Thema aktiv in die Regionen, in die Betriebe zu bringen und die Unterstützung der Landesregierung einzufordern.

Dass ganze Belegschaften für den digitalen Wandel in der Produktion erfolgreich qualifiziert werden können, beschrieb beeindruckend Erich Bullmann. Er ist stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei der Trilux GmbH, ein Hersteller für technische Beleuchtung und am Standort Arnsberg einer der wichtigsten Arbeitgeber in der Region. Unterstützt durch einen Steuerungskreis und externe Beratung gelang es, durch umfangreiche Qualifizierung nicht nur alle Arbeitsplätze, von der Fertigung bis zur Verwaltung, sondern auch alle Personen am Standort zu halten. In einer betriebseigenen Akademie, deren Gründung im Tarifvertrag mit der Trilux festgeschrieben wurde, werden heute weiterhin die Qualifizierungsmaßnahmen durchgeführt. Insgesamt, so Erich Bullmann, war die Bereitschaft zur Qualifizierung sehr hoch: "Allen Kolleginnen und Kollegen vor Ort war sehr bewusst, dass sich die Prozesse dramatisch verändern und dass sie in Gefahr geraten, den Arbeitsplatz zu verlieren, wenn sie sich nicht qualifizieren."

  • Auf dem Podium diskutierten: Holger Regber, Projektleiter im Bereich Training und Consulting, Festo Didactic GmbH & Co. KG; Torben Padur, Leiter des Projektes „Digitalisierung der Arbeitswelt“ am Beispiel Volkswagen, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB); Gabi Schilling, IG Metall Nordrhein-Westfalen; Erich Bullmann, Stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, TRILUX GmbH & Co. KG

Forum 3 – Arbeitsorganisation 4.0

Mehr Fragen als Antworten - so lassen sich die Ergebnisse des Forums zum Thema "Arbeitsorganisation 4.0" charakterisieren, das von Helmut Rehmsen, WDR, moderiert wurde. Das Label "4.0" tauge lediglich als "Oberbegriff" für verschiedene Varianten einer digitalisierten Arbeitswelt. Zudem gebe es "Ungleichzeitigkeiten" hinsichtlich der Entwicklung über Betriebe, Branchen, Wirtschaftssektoren und Nationen hinweg, so der allgemeine Tenor.

In seinem Beitrag machte Heinz-Dieter Gros, Betriebsratsvorsitzender, Dortmunder Actien Brauerei, deutlich: "Die Digitalisierung der Arbeitswelt darf nicht die Abfolge von Automatismen, sondern muss Ergebnis von Aushandlungsprozessen sein. Wer die technologische Innovation sozial gestalten will, muss ‚Ja‘ sagen zu einer stärkeren und frühzeitigen Beteiligung der betrieblichen Interessenvertretung." Das betreffe die Sicherung von Arbeitsplätzen, die Entgeltfindung oder den Gesundheitsschutz genauso wie die Gewährleistung von Handlungs- und Zeitspielräumen für die Beschäftigten.

Intensiv diskutiert wurde die Frage, wer zukünftig - Mensch oder Maschine - Produktionsabläufe und Arbeitsprozesse steuert. Ob also die "Fremdsteuerung" im Digitalisierungsprozess zunehmen wird und wie viel Verantwortung, wie viel Handlungs- und Zeitspielräume den Beschäftigten, den Teams bleiben werden. Eine "große Unsicherheit in der Arbeitswelt" diagnostizierten folglich alle Beteiligten. Kaum eine Überraschung also, dass Hinweise auf Risiken jene auf Chancen deutlich überwogen. "Wir brauchen noch eine Menge an Forschungsvorhaben, um zu wissen, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die Arbeitsorganisation hat", so das Fazit. "Man kann sich einmischen", lautete jedoch die Botschaft - eine klare Aufforderung an alle, die Digitalisierung der Arbeitswelt nicht einfach hinzunehmen, sondern die technologische Innovation auch sozial zu gestalten.

  • Auf dem Podium diskutierten: Prof. Dr. Ulrike Hellert, FOM Hochschule, Institut für Arbeit und Personal; Dr. Norbert Malanowski, Senior Berater Innovationspolitik – Innovationsstrategien, Internationalisierung VDI-Technologiezentrum GmbH; Viktor Steinberger, TBS NRW; Heinz-Dieter Gros, Betriebsratsvorsitzender, Dortmunder Actien Brauerei – Radeberger Gruppe KG

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