Berufswunsch realisiert. Ausbildung mit Behinderung

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Ausbildung Tiermedizinische Fachangestellte

„Das hat mir enormen Rückhalt gegeben.“ Aktion 100 unterstützt junge Frau bei der Ausbildung zur Tiermedizinischen Fachangestellten

ESF-geförderte Aktion "100 zusätzliche Ausbildungsplätze für Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung in Nordrhein-Westfalen" unterstützt und begleitet. Tierärztin bildet erstmals aus.

Nach einer abgebrochenen Ausbildung bekam Rebecca Wolf eine neue Chance. Über die Aktion "100 zusätzliche Ausbildungsplätze" machte sie erfolgreich eine Ausbildung in ihrem Wunschberuf zur Tiermedizinischen Fachangestellten. Begleitet wurde die junge Frau vom Berufsbildungswerk Bethel. Der Kooperationsbetrieb, eine mobile Tierarztpraxis, beschäftigt die junge Frau in Teilzeit weiter.

Rein formal waren die Voraussetzungen für eine Ausbildung günstig: Rebecca Wolf, heute 21 Jahre alt, hatte einen Realschulabschluss mit Qualifikationsvermerk, der zum Besuch der gymnasialen Oberstufe berechtigt. Tatsächlich fand sie schon bald einen Ausbildungsplatz in einer humanmedizinischen Praxis, den sie aber noch in der Probezeit wieder verlor.

Für Rebecca Wolf begann damit eine anstrengende Zeit. Ihre erste Reaktion war: „Jetzt finde ich bestimmt nie mehr etwas.“ Tatsächlich war ihre Lage damals prekär: Zu der Zeit lebte sie in einer Einrichtung der Jugendhilfe. Hinzu kam eine anerkannte Dyskalkulie.

Rückhalt und Unterstützung

In dieser angespannten Lebensphase hörte Rebecca Wolf zum ersten Mal von der „Aktion 100“. Sie fragte bei der Agentur für Arbeit, bei der sie sich zuvor arbeitsplatzsuchend gemeldet hatte, nach. Die dort für sie zuständige Reha-Beraterin Christel Strothmann-Sczepek entschied: „Rebecca Wolf kann an der „Aktion 100“, die eine betriebsnahe Ausbildung mit individueller sozialpädagogischer Begleitung kombiniert, teilnehmen!“

Verantwortlich durchgeführt wird die Ausbildung bei der vom Land Nordrhein-Westfalen mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds geförderten „Aktion 100“ durch Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation, in diesem Fall durch das Berufsbildungswerk Bethel. Dabei erfolgt die praktische Ausbildung zum überwiegenden Teil in Betrieben des ersten Arbeitsmarkts. Dazu schließt der jeweilige Träger der Ausbildung einen Kooperationsvertrag mit einem ausbildungsberechtigten Wirtschaftsbetrieb ab.

Jörg Viemann, Mitarbeiter des Berufsbildungswerks Bethel und Systemischer Coach, sprach mit Rebecca Wolf zunächst über deren Berufswünsche. Dabei stellte sich heraus, dass die junge Frau am liebsten eine Ausbildung zur Tiermedizinischen Fachangestellten absolvieren wollte - ein Wunsch, der nach Auffassung des Coachs intensiv zu hinterfragen war: „Die Arbeit von Angestellten in diesem Beruf ist nicht zuletzt auch von Operationen oder dem Einschläfern von Tieren geprägt. Dessen muss man sich bewusst sein. Deshalb war zu prüfen, ob Rebecca Wolf realistische Vorstellungen vom Arbeitsalltag hat und für den Beruf tatsächlich geeignet ist.“

Nachdem dies geklärt war, suchten sie gemeinsam einen passenden Ausbildungsplatz, schrieben Bewerbungen und trainierten Bewerbungsgespräche, immer wieder ohne positives Resultat, da für das nachgefragte Berufsbild offensichtlich ein Überangebot an Bewerberinnen und Bewerbern besteht. Jörg Viemann: „Aufgrund der vielen Ablehnungen habe ich mehrere Gespräche mit Rebecca Wolf geführt, um herauszufinden, ob nicht vielleicht doch ein anderer Ausbildungsberuf ebenfalls in Frage kommen könnte. Zuvor hatte sie schon Praktika in einem Malerbetrieb und in der Altenpflege absolviert. Doch dort wie auch während der kurzen Ausbildungsphase in der humanmedizinischen Praxis hatte sich herausgestellt, dass sie nicht gerne in großen Teams arbeitet, sondern viel lieber in direktem Kontakt mit Tieren.“

Rebecca Wolf ist heute dankbar für die professionelle Unterstützung, die sie im Rahmen der „Aktion 100“ beim Berufsbildungswerk Bethel gefunden hat: „Dass Herr Viemann und Frau Strothmann-Sczepek mich trotz der vielen Rückschläge bei den Bewerbungen weiterhin bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz im tiermedizinischen Bereich unterstützt haben, hat mir enormen Rückhalt gegeben, vor allem in den Momenten, als ich selbst schon fast verzweifelt war.“

„Die Aktion 100 ist richtig und gut!“

Tatsächlich hat sich die Beharrlichkeit gelohnt. Zufällig hatte Rebecca Wolf auf der Straße ein Fahrzeug mit der Aufschrift „Tierärztin Mobil“ entdeckt und Jörg Viemann gefragt, ob dort vielleicht eine Ausbildung möglich sei. Der Bildungsexperte recherchierte im Internet und erfuhr so, dass es sich bei „Tierärztin Mobil“ um eine Kleintierpraxis auf vier Rädern handelt, die auf Hausbesuche spezialisiert ist. Die mobile Tierarztpraxis, war auf der Homepage zu lesen, „vermeidet Transportstress für die Tiere, Wartezeiten und Infektionsgefahren im Wartezimmer“ - weithin ein Alleinstellungsmerkmal ihrer Praxis.

Unverzüglich nahm Jörg Viemann Kontakt zu der Tierärztin auf. Die erste Reaktion war ablehnend. Dr. Katharina Radelof: „Ich hatte mich noch nicht so lange selbständig gemacht. Zwar hatte ich inzwischen einen festen Kundenstamm. Aber weil in meiner mobilen Praxis auf gerade mal 1,5 Quadratmetern alle Apparaturen, vom Röntgengerät bis hin zum Puls-Oxymeter, in Reichweite sind, kam ich sehr gut alleine zurecht. Des Weiteren war ich in Sorge, dass eine Auszubildende mehr Belastung als Hilfe darstellt.“ Rebecca Wolf war einige Tage als Praktikantin mitgefahren und sollte sich eigentlich bei anderen Praxen bewerben. Doch sie blieb hartnäckig und fragte nach mehreren Probearbeitstagen in anderen Praxen immer wieder bei „Tierärztin Mobil“ nach, ob es nicht doch möglich sei, die Ausbildung hier zu absolvieren.

Nach gründlicher Abwägung und längerer Bedenkzeit teilte Dr. Radelof Jörg Viemann mit, dass sie es mit einer Ausbildung versuchen wolle. Dr. Radelof: „Ausschlaggebend war die Grundidee der Aktion 100, jungen Menschen mit Handicap eine Chance zu geben. Das finde ich richtig und gut. Außerdem wird der eigentliche Ausbildungsvertrag zwischen der Jugendlichen  und dem Berufsbildungswerk geschlossen. Das, sagte ich mir, ist sicher eine große Entlastung für einen Ein-Personen-Betrieb wie meinen.“

Individueller Stütz- und Förderunterricht

Die Überlegung sollte sich als richtig erweisen. Gemeinsam mit Jörg Viemann vom Berufsbildungswerk studierte Dr. Radelof den Ausbildungsrahmenplan um sicherzustellen, dass in ihrem Kleinbetrieb auch tatsächlich alle darin festgelegten Ausbildungsinhalte vermittelt werden können. Zusätzliche Informationen lieferte in dieser Phase die Tierärztekammer Westfalen-Lippe.

Nachdem das geklärt war und ein Bewerbungsgespräch stattgefunden hatte, konnte Rebecca Wolf ihre Ausbildung zur Tiermedizinischen Fachangestellten bei „Tierärztin Mobil“ beginnen, einem Betrieb, der damit zum ersten Mal überhaupt einen Ausbildungsplatz angeboten hat.

Unterstützung finden an der Aktion 100 beteiligte Betriebe indes nicht nur in der Anfangsphase. Vielmehr steht der Träger der Beruflichen Bildung den teilnehmenden Jugendlichen wie auch den Betrieben über die gesamte Ausbildungsdauer jederzeit mit Rat und Tat zur Seite.

Zudem stellt der Träger den Jugendlichen mit Jörg Viemann und seinen Kolleginnen jeweils einen Ausbildungscoach an die Seite, koordiniert die Ausbildung an den verschiedenen Lernorten und bietet individuellen Stütz- und Förderunterricht an. Bei Rebecca Wolf kam der beim Thema „Wirtschaft und Rechnungswesen“ zum Einsatz, so dass etwaige Probleme aufgrund der Dyskalkulie gar nicht erst entstehen konnten. Regelmäßige Treffen sowie telefonische oder Mail-Kontakte zwischen Arbeitsagentur, der Betriebsinhaberin, dem Berufsbildungswerk und der teilnehmenden Jugendlichen charakterisieren die enge Zusammenarbeit der beteiligten Personen.

Frühzeitige Suche nach Anschlussperspektiven

Unter solch günstigen Rahmenbedingungen funktionierte die Ausbildung von Rebecca Wolf reibungslos. Die beruflichen Erfolge haben sie so stabilisiert, dass sie jetzt sogar eine eigene Wohnung hat. Die Auszubildende: „Ich bin so froh einen Ausbildungsplatz in meinem Wunschberuf gefunden zu haben. Außerdem ist die Arbeitsatmosphäre sehr angenehm. Frau Dr. Radelof ist auch in kritischen Situationen immer sachlich und verständnisvoll. Ich kann wirklich sagen: Ich habe die beste Chefin der Welt!“

Nicht minder positiv ist umgekehrt die Bewertung von Dr. Katharina Radelof: „Anders als ursprünglich erwartet, ist Rebecca im Arbeitsalltag auf jeden Fall eine Hilfe, sei es bei der Blutabnahme, der Medikamentenausgabe oder bei der schriftlichen Dokumentation im laufenden Behandlungsprozess. Im persönlichen Umgang mit den Besitzern der Tiere zeigt sie sich immer fachkundig und höflich. Die Zusammenarbeit mit ihr ist unkompliziert.“

Aufgrund ihrer guten theoretischen und praktischen Leistungen ist es Rebecca Wolf gelungen, die Ausbildung schon nach zweieinhalb Jahren abzuschließen. Bei „Tierärztin Mobil“ ist sie jetzt in Teilzeit in ihrem Wunschberuf beschäftigt. Ein gutes Sprungbrett für einen späteren Arbeitsplatzwechsel. Denn langfristig, so Dr. Radelof, "ist das bei mir aus rein ökonomischen Gründen nicht möglich.“ Nicht zuletzt deshalb hatte sie der jungen Frau während der Ausbildung Praktika in anderen tiermedizinischen Praxen und Einrichtungen ermöglicht.

Ausbildung Tiermedizinische Fachangestellte/r

Tiermedizinische Fachangestellte assistieren Tierärzten und Tierärztinnen bei der Untersuchung, Behandlung und Betreuung von Tieren und bei der Beratung der Tierhalter/innen. Außerdem führen sie organisatorische und Verwaltungsarbeiten durch.
Tiermedizinische/r Fachangestellte/r ist ein 3-jähriger anerkannter Ausbildungsberuf im Bereich Freie Berufe.

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